Süddeutsche Zeitung, 05.12.2012, Beilage Energie, V2/2, J. Göres

 

Die geplanten Trassen rufen bei der Bevölkerung Widerstand hervor. Einige
Wissenschaftler halten die Trassen für überdimensioniert.

In den kommenden zehn Jahren sollen in Deutschland 2800 Kilometer neue
Stromleitungen gebaut und 2900 Kilometer alte Leitungen modernisiert werden.
Das sieht der gerade von der Bundesnetzagentur vorgestellte
Bundesbedarfsplan vor. Der Ausbau soll dafür sorgen, dass genügend
Windenergie von Nord nach Süd transportiert und so der wegfallende Atomstrom
- 2022 soll das letzte Kraftwerk vom Netz gehen - ersetzt werden kann. Der
Bundesbedarfsplan ist Grundlage für ein neues Gesetz, das die
Planungsverfahren für neue Trassen abkürzen soll. Laut Wirtschaftsminister
Philipp Rösler (FDP) könnte das Genehmigungsverfahren von zehn auf vier
Jahre verkürzt werden, indem etwa der Rechtsweg auf eine Instanz beschränkt
wird. Hintergrund ist der Widerstand gegen neue Trassen.

So zum Beispiel in den niedersächsischen Landkreisen Peine und Hildesheim,
wo eine neue 380-Kilovolt-Leitung zwischen dem Umspannwerk Wahle bei
Braunschweig und der Umspannanlage im nordhessischen Mecklar (Landkreis
Hersfeld-Rotenburg) verlaufen soll. Diese 230 Kilometer lange Leitung gehört
zu den 24 Vorhaben, die 2009 im Gesetz zum Ausbau  von Energieleitungen
festgelegt wurden.

Weshalb die Anwohner die Trassen ablehnen, das wurde kürzlich bei einer
Informationsveranstaltung in Vechelde (Landkreis Peine) deutlich. Behörden
und der Stromnetzbetreiber TenneT warben dort  für die neue Trasse, die nach
der Untersuchung von fünf möglichen Korridoren im  Raumordnungsverfahren
ausgewählt wurde. Die Kritik bringt der Landwirt Rainer Leuwer aus Liedingen
auf den Punkt: "Wir  erhalten eine kleine einmalige Abfindung  dafür, dass
auf unser Land ein 60 Meter hoher Stahlmast gesetzt wird und müssen dann mit
dem Trecker immer um das  Scheißding drum rumfahren, während die  großen
Stromkonzerne jeden Tag daran verdienen. So geht das nicht, eine regelmäßige
Abgabe ist zeitgemäß."

Es geht ums Geld, und da fühlen sich gerade Bauern ungerecht behandelt. "Für
ein Windrad auf dem Acker gibt es jedes Jahr bis zu 45 000 Euro, für einen
Strommast einmalig 3000 bis 4000 Euro", sagt Guido Franke, Sprecher der
Bürgerinitiative Südkreis gegen Megamasten.

Die Trassengegner fordern, die Stromleitungen  unterirdisch zu verlegen.

Im Landkreis Hildesheim hatte die Initiative vor fünf Jahren 40 000
Unterschriften gesammelt, damit die Leitung unterirdisch verlegt wird, auch
wegen der Angst vor möglichen gesundheitlichen Schäden durch magnetische und
elektrische Strahlung und wegen des Wertverlusts der ImmobiIien.

Bisher ist nur dort eine Erdverkabelung, wo die Trasse in einer Entfernung
von weniger als 400 Metern an Siedlungen  vorbeiführt - dies betrifft eine
sieben Kilometer lange Strecke in Göttingen. Unterirdische Stromkabel sind
wesentlich teurer  und weniger leistungsfähig als die Freileitungen, für die
alle 300 bis 450 Meter ein  Mast aufgestellt werden muss. "Wir werden 2013
zu Beginn des Planfeststellungsverfahrens für die stärkere Erdverkabelung
kämpfen", kündigt Franke an.

Auch die Einwohner von Westerlinde sind aufgebracht. "Würden Sie hier leben
wollen?, fragen sie die Planer von TenneT bei der Veranstaltung. Der Ort
wäre durch die Masten und die Autobahn künftig von drei Seiten eingekreist.
Durch die 50 bis 70 Meter breite Stromtrasse würden Ortsteile voneinander
abgetrennt. "Die Streckenvariante ist noch nicht bis ins Detail festgelegt,
eine Optimierung ist noch möglich. Dafür suchen wir ja den Dialog mit den
Bürgern", sagt Martin Groll, Referent für Energiepolitik bei TenneT.

Kann der niederländische Konzern überhaupt genügend Geld für das Projekt
aufbringen, wo er doch eingestehen musste, dass er derzeit nicht die
finanziellen Mittelhat, um alle Auflagen für die Netzanbindung der
Offshore-Windparks zu er- füllen? Groll sagt: "Die Finanzierung für den Bau
der Stromtrasse Wahle-Mecklar ist gesichert."   

Die Einwände von Lorenz Jarass, Professor für Wirtschaftswissenschaften an
der Hochschule RheinMain in Wiesbaden, fallen grundsätzlicher aus als die
der Anwohner. Er hat zusammen mit seinem Kollegen Gustav Obermair in dem
kürzlich veröffentlichten Buch "Welchen Netzumbau erfordert die
Energiewende?" den geplanten Neubau von Stromtrassen als überdimensioniert
und viel zu teuer kritisiert.  

Den Professor beruhigt es auch nicht, dass die Bundesnetzagentur im
Bundesbedarfsplan das Stromnetz nicht so stark ausbauen will wie von den
vier Netzbetreibern TenneT, Amprion, TransnetBW und 50Hertz vorgeschlagen.
Diese hatten Trassen von Emden über das Ruhrgebiet nach Philippsburg bei
Speyer, von Brunsbüttel in Richtung Stuttgart, von Wilster bei Stade nach
Grafenrheinfeld bei Schweinfurt sowie von Wehrendorf bei Osnabrück nach
Hessen und von Kaltenkirchen bei Hamburg nach Baden-Württemberg geplant. Die
beiden letzteren Leitungen mit einer Gesamtlänge von circa 1000 Kilometern
sollen zunächst nicht gebaut werden. "Aber das kann noch kommen, denn der
vermeintliche Bedarf wird künftig jedes Jahr überprüft", sagt Jarass.

Nach seiner Einschätzung könnten viele Leitungen und damit auch Kosten
überflüssig werden, wenn auf ein halbes Prozent der jährlich anfallenden
Windenergie, die bei Starkwind entsteht, einfach verzichtet würde. Jarass
favorisiert einen Netzumbau, der auf die Verstärkung bestehender Leitungen
setzt. Damit wäre weit weniger Leitungsneubau nötig.

Der großflächige Ausbau der Stromtrassen in der jetzigen Form schadet seiner
Meinung der Energiewende. "Es geht bei den jetzigen Plänen nicht primär
darum, den Wind von Nord nach Süd weiterzuleiten, sondern bei hohem
Windanfall die Kohlekraftwerke nicht vom Netz nehmen zu müssen. Der in
Deutschland dann nicht benötigte Strom aus den Kohlekraftwerken soll ins
Ausland verkauft werden. Dafür brauchen wir so viele neue Leitungen."   

Jarass fordert, das Energiewirtschaftsgesetz so zu ändern, dass die
Betreiber von Kohlekraftwerken nicht mit Schadensersatzansprüchen drohen
können, wenn der von ihnen erzeugte Strom nicht abgenommen wird. Ansonsten
werde der Stromkunde die Kosten für den Ausbau der Stromtrassen in Höhe von
derzeit geschätzten 20 Milliarden Euro tragen müssen.

WDR, 03. Dezember 2012

Zum Artikel auf der WDR-Webseite

 

Es werden mehr Stromtrassen gebaut als nötig, kritisiert der Wissenschaftler Lorenz Jarass. Die Bürgerbeteiligung legitimiert diesen Fehler.

Interview: Ingo Arzt

 

taz: Ungeheure Datenflut, kompliziertes Verfahren: Ist die Bürgerbeteiligung zum Netzausbau nur eine Farce?

 

Lorenz Jarass: Sie ist ein geschickter Schachzug von denen, die einen massiven Netzausbau wollen. Die Beteiligung läuft im Vorfeld, und kaum einer interessiert sich dann dafür. Wenn alles abgeschlossen und genehmigt ist, dann erst werden die Trassen in einem zweiten Energieleitungsausbaugesetz festgeschrieben.

Im ersten Gesetz steht jetzt schon jetzt drin: 850 Kilometer sind energiewirtschaftlich erforderlich, es ist nicht mehr Aufgabe von Planungsbehörden oder Gerichten, das zu untersuchen. Sprich: An den Leitungen ist nichts mehr zu ändern.

 

Die Rede ist von bis zu 4.900 Kilometern neuer Hochspannungsnetze. Brauchen wir so viel?

 

Nein, das sagt sogar die Bundesnetzagentur selbst. Im neuen Netzentwicklungsplan steht: Wenn wir nicht davon ausgehen, dass jede Kilowattstunde Windstrom auch genutzt werden soll, dann brauchen wir viel weniger Netze. Momentan werden die Trassen darauf ausgelegt, dass für eine ein oder zwei Mal im Jahr auftretende Windspitze in der Nordsee jede Kilowattstunde abtransportiert werden kann. Das ist volkswirtschaftlich unzumutbar und damit rechtswidrig.

 

Wer soll denn ein Interesse daran haben, dass zu viel Leitungen gebaut werden?

 

Da geht es um Grundfragen der Energiewende. Momentan ist die Lage so, dass auch fossile Kraftwerke einen Anspruch haben, ihren Strom abzusetzen. Wir werden aber immer wieder mehr Strom haben, als wir brauchen.

 

Das heißt konkret?

 

Nehmen Sie die Leitungen, die von Ostdeutschland nach Bayern verlegt werden. Die braucht man, weil wir im Osten viel Windkraft haben und parallel Braunkohlekraftwerke. Auch die sollen weiterhin ausgelastet sein. Auch bei starkem Wind, wenn im Netz nicht Platz für Wind- und Kohlestrom ist. Plakativ gesagt: Die ostdeutschen Leitungen sind für die Braunkohle.

 

Wie viele Netze braucht man denn wirklich?

 

Das ist schwer genau zu beziffern. Aber wir könnten den Bedarf dramatisch verringern. Momentan wird nach einem Modell der RWTH Aachen rein marktwirtschaftlich gerechnet: Der Strom für Süddeutschland soll beispielsweise möglichst günstig produziert werden. Dann landen Sie bei einem Kohlekraftwerk im Norden, das billiger ist als ein teures Gaskraftwerk im Süden.

 

Was schlägt das Modell vor?

 

Nimm den Strom im Norden und bau eine zusätzliche Leitung. Allerdings werden die Kosten für die neue Trasse nicht berücksichtigt. Würde man das mit einberechnen, dann wäre vielleicht ein Reservekraftwerk im Süden billiger als eine neue Leitung. Das wird nicht einmal geprüft.

 

Die Netzbetreiber bekommen staatlich garantierte Renditen für ihre neuen Netze und berechnen zudem, wie viel wir verbrauchen. Ein Interessenkonflikt?

 

Das kann man so sehen. Die haben ein Interesse, das Netz möglichst weit auszubauen.

 

Muss die Netzplanung also von vorn losgehen?

 

Nein. Positiv gesprochen ist der Netzentwicklungsplan absolut sinnvoll, weil er sämtliche Vorhaben zusammenführt und koordiniert. Er hat aber eine Reihe von unsinnigen Annahmen, ohne die wir mit wesentlich weniger Leitungen auskommen würden. Dazu gehört auch, dass wir Strom exportieren wollen.

Die Betreiber von Kohlekraftwerken sagen: Wir wollen nicht gezwungen werden, herunterzufahren, wenn wir genug erneuerbaren Strom haben, sondern unseren Strom ins Ausland verkaufen. Deshalb brauchen wir so viele Leitungen. Der Stromkunde hat dabei nichts mitzureden. Der muss eben zahlen.

 

Duitsland worstelt met de 'Energiewende', het overstappen naar groene stroom. Over tien jaar gaan alle kerncentrales dicht, vooral wind en zon moeten ervoor in de plaats komen. Eén van de belangrijkste spelers is Tennet, waarvan de Nederlandse staat eigenaar is. Tennet moet nu van de Duitsers miljarden investeren in hoogspanningskabels voor groene stroom. Maar daar zit een risico aan.

Mehrere Milliarden Euro ließen sich einsparen, wenn man die Stromnetze nicht aus-, sondern umbaut. Davon ist Wirtschaftswissenschaftler Jarass überzeugt. Im Interview mit tagesschau.de erklärt er, was aus seiner Sicht bei der Energiewende falsch läuft und warum man bei den Erneuerbaren eher bremsen sollte.

 

tagesschau.de: Der stockende Netzausbau gilt als das größte Problem der Energiewende. Was stockt da und warum?

 

Lorenz Jarass: Ich sehe das nicht so, dass der Netzausbau die Achillesferse der Energiewende ist. Das lässt sich am jetzt vorgelegten Netzentwicklungsplan nachvollziehen. Der angestrebte Netzausbau ist nämlich überdimensioniert. So hat man sich vorgenommen, wirklich jede erzeugte Kilowattstunde gesichert ins Netz einspeisen zu können. Es ist aber unsinnig, einmalige Windspitzen in Norddeutschland nach Süddeutschland übertragen zu wollen. Im Extremfall würden Sie für diese einmalige Windspitze eine extra Leitung bauen müssen.

Darüber hinaus will man nicht nur die Starkwindeinspeisungen gesichert abtransportieren, sondern zusätzlich und parallel dazu auch noch Strom von einer Vielzahl von Kohlekraftwerken. Das widerspricht der Idee der Energiewende. Wenn ich mehr Strom aus umweltfreundlichen Erneuerbaren Energien habe, dann kann ich doch die umweltbelastenden Kohlekraftwerke herunterfahren. Aber das geschieht nicht. Die Kohlekraftwerksbetreiber haben einen Rechtsanspruch darauf, auch bei Starkwind einspeisen zu können.

 

Umbauen statt Ausbauen

 

tagesschau.de: Was schlussfolgern Sie daraus?

 

Jarass: Ich bin davon überzeugt, dass man das vorhandene Netz geeignet umbauen kann und dass man damit auskommt. Wir brauchen ein Netz, das die massiv ansteigenden Erneuerbaren Energien geeignet in der Bundesrepublik verteilt. Ein Netzausbau sollte also selektiv erfolgen und Verbraucher nicht überdimensional belasten.

 

tagesschau.de: Welche Technologie braucht es für einen Umbau?

 

Jarass: Man könnte zum Beispiel ein Leiterseiltemperaturmonitoring einführen. Dabei misst man kontinuierlich die Temperatur der Hochspannungsleitung mit einem Handy. Solche Leitungen werden umso wärmer, je mehr Strom durchfließt. Jetzt schreibt die entsprechende DIN vor, dass die Leitung unter keinen Umständen wärmer als 80 Grad wird. Das bedingt eine bestimmte Strommenge bei beispielsweise 35 Grad im Schatten und Windstille. Unberücksichtigt bleibt, dass Sie bei kühleren Außentemperaturen sehr viel mehr Strom durchleiten könnten, ohne dass der Maximalwert erreicht wird. Dafür ist es aber notwendig, dass die Temperatur der Leiterseile überwacht wird und nicht nur hochgerechnet wird.

 

Massive Einsparungen sind möglich

 

tagesschau.de: Haben Sie ermitteln können, wie hoch mögliche Einsparungen wären, wenn man um- und nicht ausbaut?

Jarass: Ich gehe davon aus, dass es dramatisch billiger wird. Wir können nicht untersuchen, um wieviel billiger der Einzelfall wird, aber man könnte eine Vielzahl von Leitungen einsparen. Von den jetzt genannten 20 Milliarden Euro würden wir deshalb viele Milliarden einsparen: mindestens fünf, wahrscheinlich zehn.

tagesschau.de: Was halten Sie von der Idee, den Netzausbau zur Not zu verstaatlichen oder eine einheitliche Netzgesellschaft zu gründen?

 

Jarass: Die Hürden für eine Verstaatlichung sind sehr hoch. Sie müssten die jetzigen Netzbesitzer ja enteignen. Das halte ich für undenkbar.

Rainer Brüderle telefoniert im Bundestag (Foto: dpa) Großansicht des Bildes Brüderle als Wirtschaftsminister lehnte eine Netzgesellschaft ab. Die Forderung nach einer Netzgesellschaft ist vernünftig, kommt aber zu spät. Der Zeitpunkt wäre 2010 günstig gewesen, als E.ON auf Druck der EU-Kommission sein Hochspannungsnetz verkauft hat. Aber das Wirtschaftsministerium hat sich aus ordnungspolitischen Überlegungen verweigert. Denn der Staat in Form einer Institution wie der KfW-Bank hätte sich mit einer Minderheitsbeteiligung einschalten müssen. Das wollte man nicht, weil es sich quasi um eine Teilverstaatlichung gehandelt hätte, die man schon aus Prinzip ablehnt. Also ist dieser Zug abgefahren - leider.
Widerstand der Kraftwerksbetreiber formiert sich

 

tagesschau.de: Könnten die viel beschriebenen Probleme mit dem Netzausbau auch ein vorgeschobenes Argument sein, um die Energiewende weiter hinauszuzögern?

 

Jarass: Die Energiewende ist massiv beschleunigt worden. So gibt es einen exorbitanten Ausbau der Erneuerbaren Energien. Aber gleichzeitig formieren sich genau dagegen massive Widerstände. Zum einen hoffen die Kernkraftwerksbetreiber doch noch darauf, dass sie ihre Kraftwerke noch mal anfahren können. Zum anderen müssen die Kohlekraftwerksbetreiber befürchten, ihre Leistung entschädigungslos herunter fahren zu müssen, was meiner Meinung nach bitter nötig wäre.

Wenn wir allerdings die Erneuerbaren Energien in diesem Tempo weiter ausbauen, dann haben wir insgesamt zu viel Strom. Und es nützt gar nichts, diesen Strom von der Nordsee nach Bayern transportieren zu wollen oder zu können. Er wird weder an der Nordsee noch in Bayern gebraucht. So bauen die Rheinland-Pfälzer oder die Hessen schon seit Jahren ihre eigenen Windparks und könnten auf die Offshore-Windparks und die enormen damit verbundenen Kosten gut verzichten. Die norddeutschen Ministerpräsidenten fürchten deshalb, auf ihren Investitionen sitzen zu bleiben und auf ihre Wirtschaftsentwicklung verzichten zu müssen, beispielsweise auf die Gewerbesteuer.

Das Interview führte Ute Welty, tagesschau.de

Baldige Bürgerbeteiligung ist gefragt beim Ausbau der Stromnetze. Die Bundesnetzagentur plant 50 Projekte vor allem in Franken. Weil der genaue Trassenverlauf noch nicht festgelegt scheint, warten viele ab, das könnte falsch sein.

Autor: Lorenz Storch Stand: 10.09.2012

buergerbeteiligung-stromleitungen

Wir stecken in Deutschland mitten drin in einer Energiewende - das ist inzwischen fast allen bekannt. Damit der Windstrom von der Küste zu uns nach Bayern kommt, und unser Solarstrom in den Norden, braucht es neue Stromleitungen. Das wissen mittlerweile auch viele Menschen. Aber wie stark Bayern von den geplanten neuen Stromtrassen berührt wird, ist vielen noch nicht klar. Vielleicht haben sich bisher deswegen so wenig Bürger im Planungsverfahren zu Wort gemeldet.

"Wir haben aus Stuttgart 21 gelernt, und wollen die neuen Hochspannungsleitungen mit und nicht gegen die Bürger bauen. "Das ist die Botschaft der Behörden mit ihrem so genannten "Netzentwicklungsplan", der im bisherigen Entwurf fast 4000 Kilometer neue Trassen quer durch Deutschland vorsieht.

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, hat vor wenigen Tagen alle Bürger und Experten aufgefordert, ihre Meinung zu den Projekten zu sagen:

Jochen Homann bei der Pressekonferenz am 6.September

Die Bundesnetzagentur bietet die Möglichkeit von Kommentaren übers Internet, und einen Informationstag in Nürnberg in zwei Wochen. Wie viele mitmachen, bleibt abzuwarten. Im Frühsommer hatten die Netzbetreiber selbst ihre Pläne schon zur Diskussion gestellt, das Echo vor allem aus Bayern blieb aber eher mau. Sogar in Meitingen bei Augsburg, das als Startpunkt einer der neuen Stromautobahnen bereits konkret festgeschrieben ist, blieben die Bürger zurückhaltend.

Wer Einfluss nehmen will, muss es jetzt tun

Der Energie-Ökonom Lorenz Jarass ist ein Kritiker der vorliegenden Netzausbaupläne, er hält sie für klar überdimensioniert. Und versteht nicht, warum sich so wenig Bürger einmischen. Seiner Ansicht nach ist jetzt die letzte Gelegenheit, noch entscheidend Einfluss zu nehmen:

"Diese Korridore werden auf einen Kilometer scharf dann von der Bundesnetzagentur auf der Grundlage des Netzentwicklungsplans festgelegt. Da gibt es keine oder fast keine Bürgerbeteiligung mehr. In Bayern sind eine Vielzahl von neuen Leitungen geplant."

Energie-Ökonom Lorenz Jarass

Trassenschwerpunkt Franken

Besonders betroffen von den neuen Hochspannungsleitungen ist Franken. Von Grafenrheinfeld bei Schweinfurt aus sind gleich drei Trassen nach Norden geplant, quer über Rhön und Grabfeld. Und die Stromautobahn, die von Meitingen nach Sachsen-Anhalt führen soll, läuft in den Plänen quer durch die Fränkische Schweiz. Wovon aber viele Bürger dort noch nichts ahnen:

Im jetzigen Stadium sind in der Tat noch kaum Ortsnamen im Umlauf, kaum einer fühlt sich deswegen von den Plänen direkt betroffen. Und ein normales Genehmigungsverfahren für die Trassen soll nächstes Jahr noch folgen. Dann gibt es noch einmal Bürgerbeteiligung. Wer aber die Notwendigkeit einer Leitung grundsätzlich anzweifelt, der wird dann zu spät dran sein.

Netzentwicklungsplan enthält "Fehleinschätzungen und schwer wiegende methodische Fehler"

Udo Leuschner, Energiechronik Aug. 2012, 120803, http://www.udo-leuschner.de/energie-chronik/chframe.htm,

In einem soeben erschienenen Buch bescheinigen die Autoren Jarass und Obermair dem Netzentwicklungsplan der Übertragungsnetzbetreiber Fehleinschätzungen und schwerwiegende methodische Fehler.

Die "Energiewende" allein würde einen solchen Netzausbau keineswegs erfordern. Dies betonten die beiden Wissenschaftler Lorenz Jarass und Gustav Obermair in ihrer Stellungnahme zum Netzentwicklungsplan, dem sie "eine Reihe von Fehleinschätzungen sowie schwer wiegende methodische Fehler" vorwerfen. Zum einen basierten die Berechnungen – wie auch schon bei der umstrittenen Dena-Netzstudie (101101 <http://www.udo-leuschner.de/energie-chronik/101101.htm> ) – auf der falschen Prämisse, daß jede erzeugbare Kilowattstunde erneuerbarer Energie übertragen werden müsse. Es widerspreche aber dem in § 9 Abs. 3 EEG  <http://www.udo-leuschner.de/energie-chronik/energierecht/eeg2012neu.htm#p09> verankerten Gebot der wirtschaftlichen Zumutbarkeit des Netzausbaues, Hunderte von Millionen Euro zu investieren, um auch äußerst selten auftretende Erzeugungsspitzen übertragen zu können, anstatt ein solches kurzfristiges Überangebot einfach abzuregeln. Die beiden Wissenschaftler hegen den Verdacht, daß die im Netzentwicklungsplan formulierte "Verpflichtung zur vollständigen Aufnahme und zum Weitertransport der regenerativ erzeugten Energie" lediglich ein Vorwand ist, um mehr Netzkapazität für die Produktion und den Export von Strom aus konventionellen Kraftwerken bereitzustellen.

Überdimensionierter Netzausbau bewirkt Quersubventionierung von Stromexporten zu Lasten der Verbraucher

In engem Zusammenhang damit kritisieren Jarass und Obermair den Planungsgrundsatz eines "freizügigen künftigen Marktgeschehens", der keinerlei Restriktionen für konventionelle Kraftwerke vorsieht, obwohl die erneuerbare Stromproduktion ständig wächst und schon heute häufig höher als die momentane Stromnachfrage ist. Dies widerspreche den Vorgaben der Bundesnetzagentur, wonach der Netzausbau "sowohl volkswirtschaftlich als auch betriebswirtschaftlich effizient sein" muß und "die Netze in der Energiezukunft nicht zur Abgabe von jeder beliebig nachgefragten Strommenge ausgebaut werden sollten". Die faktische Einspeisungsgarantie für neue Kohlekraftwerke bewirke eine Überdimensionierung des Netzausbaues, die weit über das hinausgehe, was für die Umstellung der Stromversorgung auf erneuerbare Quellen und zur Erhaltung eines notwendigen Restbestands an konventioneller Kraftwerkskapazität erforderlich wäre.

Da die Kosten eines überdimensionierten Netzausbaues über die Netzentgelte in die Strompreise eingehen, bewirke dies eine Quersubventionierung der Exportpreise für elektrische Energie über die Rechnungen der deutschen Stromverbraucher, die einen übermäßigen internationalen Stromhandel zur Folge habe: "Die einzelwirtschaftlichen und die sozialen Kosten dieses überdimensionierten Netzausbaues werden dem inländischen Stromverbraucher aufgebürdet."

Technische Alternativen zum Neubau von Leitungen werden nicht hinreichend berücksichtigt

Ferner beanstanden die beiden Wissenschaftler die mangelnde Berücksichtigung von technischen Alternativen, die den Neubau von Leitungen erübrigen und die Akzeptanz des Netzumbaues erhöhen würden. So werde die Netzoptimierung mittels Leiterseiltemperaturmonitoring im Netzentwicklungsplan überhaupt nicht erwähnt. Die Netzverstärkung durch Verwendung von Hochtemperaturleiterseilen, die wesentlich stärker belastbar sind als konventionelle Aluminium/Stahl-Leiterseile (120810 <http://www.udo-leuschner.de/energie-chronik/120810.htm>), werde nur bei einer einzigen Maßnahme vorgeschlagen. Das vorgesehene "Startnetz" basiere im wesentlichen auf der fragwürdigen Dena-Netzstudie, die den Neubaubedarf systematisch überschätzt habe. Es stelle sich zudem die Frage, ob der Neu- und Ausbau von Drehstromleitungen überhaupt noch notwendig werde, wenn es zur Realisierung der geplanten Strecken für "Hochspannungs-Gleichstromübertragung" HGÜ) kommt. Anstelle der bisher im Netzentwicklungsplan vorgesehenen vier isolierten Punkt-zu-Punkt-Verbindungen sei es jedoch zweckmäßiger und auch unter Berücksichtigung des N-1-Kriteriums technisch durchführbar, die HGÜ-Strecken zu einem "Overlay-Netz" zu verbinden.

Die beiden Professoren Lorenz Jarass (Hochschule RheinMain Wiesbaden) und Gustav Obermair (Emeritus der Universität Regensburg) befassen sich schwerpunktmäßig mit Finanz- und Steuerpolitik. Seit 1980 haben sie außerdem eine Reihe von Untersuchungen zur Integration der erneuerbaren Energien in die Stromversorgung und zum Netzumbau vorgelegt. Im August veröffentlichten sie ihre Sichtweise der Dinge in dem Buch "Welchen Netzumbau erfordert die Energiewende?". Neben grundsätzlichen Ausführungen zur Stromversorgung und dem durch die "Energiewende" notwendig werdenden Netzumbau enthält das Buch im letzten Kapitel auch ihre Bewertung des Netzentwicklungsplans (Manuskriptschluß 15. Juli). Die Darstellung zeugt von großer Sachkenntnis und ist hinzu in allgemeinverständlicher Sprache gehalten, weshalb sie als die derzeit vermutlich beste Einführung in den Problemkreis empfohlen werden kann (MV-Verlag, Münster, ISBN 978-3-86991-641-5, 280 Seiten, 21 Euro).

Bayerische Städte kämpfen gegen Strommasten
Bayrisches Fernsehen, 26.07.2012

Energiewende mit 4.500 Kilometern "Stromautobahnen"?

In Zukunft wird ein großer Teil unseres Stroms aus Windparks an der Nord- und Ostseeküste kommen. Benötigt wird die meiste Energie im Süden der Republik, wo bisher noch Atomkraftwerke die Versorgung sicherstellten. Professor Lorenz Jarass, Systemanalytiker an der FH Wiesbaden, vertritt die Auffassung, dass man sich durch intelligente Technik und Nachrüstung bestehender Anlagen viele neue Leitungen sparen könnte.

Das physikalische Problem ist, dass sich Leitungen bei Stromdurchfluss erhitzen. Das hängt sowohl mit der Strommenge, als auch mit der Leitungsdicke zusammen. 80 Grad Celsius sollten nicht überschritten werden. Die werden erst bei 35 Grad Außentemperartur und einem wenig kühlem Wind erreicht. Das sei eine zu starre Grundannahme, sagt der Systemanalytiker Jarass. Durch die Leitungen könne man grundsätzlich sehr viel mehr Strom transportieren. Um sicherzustellen, dass die Leitungen nicht zu heiß werden, muss man die Leiterseiltemperatur messen.
Dem dient das Leiterseil-Monitoring. Die Funktionsweise ist einfach. Thermometer, direkt am Seil befestigt, funken ihre Messergebnisse permanent an eine Online-Überwachungsstation. Wenn das Seil an einer Stelle zu heiß wird, muss die eingespeiste Strommenge verringert werden.

Auf diese Weise könnten auch Schwachstellen im Netz erkannt werden. Der teilweise Austausch gegen Hochtemperaturleiterseile würde die Leistungsfähigkeit des Stromnetzes entscheidend verbessern.
Eine Diskussion darüber hat dazu geführt, dass die Bundesnetzagentur die Frage des massenhaften Neubaus von Leitungen neu überprüfen will.
Alle Atomkraftwerke abschalten, Gaskraftwerk in Wiesbaden jetzt bauen
Wiesbadenener Kurier, 17.03.2011
 

Professor Jarass glaubt nicht an sichere deutsche Atomkraftwerke / Gas und erneuerbare Energien als Ersatz


Der GAU nach dem Erdbeben in Japan hat unmittelbare Auswirkungen auf die deutsche Energiepolitik. Die Bundesregierung hat am Dienstag angekündigt, sieben vor 1980 gebaute Atomkraftwerke (AKW) vorübergehend abschalten zu wollen. Für fünf alte AKW könnte dies das endgültige Aus bedeuten, darunter Biblis A und B in Hessen. Professor Lorenz Jarass (59), Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule RheinMain und Experte für Windenergie glaubt, dass erneuerbare Energien und kostengünstige Gaskraftwerke geeignete Alternative sind.

Herr Jarass, führen die furchtbaren Ereignisse in Japan zu einem Wandel in der deutschen Energiepolitik?

Der GAU ist eine große Zäsur. Und es ist das eingetreten, was auch die hessische Landesregierung nie ganz ausgeschlossen hat: Es besteht das Risiko einer Kernschmelze und der Verwüstung großer Landstriche in Hessen. Genau das ist in Japan eingetroffen und hätte in Biblis eintreffen können.

Aber Ursache in Japan war ein extremes Erdbeben ...

Wir hatten in Mainz und Umgebung erst kürzlich ein Erdbeben mit beträchtlicher Stärke von 4,4 auf der Richterskala. Es ist nicht auszuschließen, dass es hier auch zu erheblich stärkeren Beben kommt. Darauf sind die hiesigen Atomkraftwerke aber nicht ausgelegt.

Es heißt doch vonseiten der Politik, dass die deutschen Kernkraftwerke die sichersten der Welt sind?

Das ist eine systematische Propaganda der Politik. Auch die japanischen Kernkraftwerke galten als die sichersten der Welt. Das gilt aber nur solange nichts Unerwartetes passiert. Man muss sich klarmachen, was die Folgen eines GAU in Biblis wären: Das Rhein-Main-Gebiet wäre nicht mehr zu nutzen, das Gebiet dauerhaft verstrahlt. Ich habe deshalb die große Befürchtung, dass die Politik jetzt so tut, als würde sie aus der Atomenergie aussteigen, und in sechs Monaten will sie nichts mehr davon wissen.

Wie sieht es mit den Alternativen zur Atomenergie aus? Müssen wir in Wiesbaden doch wieder über ein neues Kohlekraftwerk nachdenken?

Zunächst muss die Bundesregierung die schrittweise Abschaltung der Kernkraftwerke beschließen. Dann macht betriebswirtschaftlich der Bau eines Gaskraftwerks auf der Ingelheimer Aue Sinn.

Also keine Kohle?

Nein. Kohlekraftwerke sind zu teuer, schwer regelbar und stoßen zu viel CO2 aus. Gaskraftwerke sind dagegen kostengünstiger und vor allem schnell regelbar. Sie sind als Ergänzung zu dem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien notwendig. Weil Gaskraftwerke schnell regelbar sind, können sie etwa die stark schwankende Windenergie ausgleichen.

Wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden, wie decken wir den Energiebedarf?

Neben dem Einsatz von Gaskraftwerken und erneuerbaren Energien haben wir große Einsparpotenziale beim Energieverbrauch. Wenn alle Hauseigentümer ihre Gebäude energetisch sanieren würden, wie das ein zu den Akten gelegter Plan der Bundesregierung noch 2010 vorsah, könnten wir mehr als 20 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland einsparen. Eine bessere Wärmedämmung an Häusern spart vor allem an den fossilen Energieträgern Öl und Gas.
Brief von Inge EICHELKRAUT zur Kernschmelze in Japan, 18.03.2011:

Das was in Japan passiert, macht mich völlig  fassungslos. Aber, anders als bei Tschernobyl, fühle ich mich dieses  Mal nicht so ohnmächtig, sondern ich habe den Drang, etwas zu tun. Für  die Japaner kann man leider nur spenden, das werde ich in den nächsten Tagen auch machen.
 
Aber was unsere Situation hier anbelangt, glaube ich gar nicht, dass das so schwierig ist, etwas dazu beizutragen, dass sich etwas ändert. Wir können als Verbraucher und verantwortungsbewusste Bürger sicher durch unser Verhalten einiges beeinflussen, auch wenn es vielleicht nicht auf der Stelle seine Auswirkungen zeigt. Nur, wir müssten etwas dafür tun. Leider hört die Liebe und der Idealismus bei den meisten auf, wenn es um den eigenen Geldbeutel geht.

Ein Freund hat mir gestern promt zurück geschrieben: "Für die Stromversorgung kann ich Dir wärmstens http://www.greenpeace-energy.de/ empfehlen. Die hatte ich schon im meiner alten WG als Stromversorger, und die versorgen auch uns hier in Weisenau. Der Wechsel ist völlig unkompliziert und deren Service sehr gut."

Ein anderer Freund von mir, der sich sehr gut auskennt, weil er dauernd Energiegutachten für Regierung, Industrie und Gemeinden schreibt bestätigte mir, dass ein Wechsel seinen Zweck erfüllt: "Ja, Greenpeace sind echte Ökostromer, die bauen neue Ökokraftwerke, ca. 2 Cent/kWh teurer als die Pseudo-Ökostromer, die nichts ändern, aber den Teil des Wasserkraftstroms, den sie eh beziehen, als Ökostrom verkaufen."

Ich habe heute morgen gleich bei der RWE angerufen, habe mir die Zählernummern der beiden Verbrauchsstellen geben lassen (das Haus meiner Mutter am Niederrhein, das zum Verkauf steht und das Ferienhaus von meinem Bruder und mir in der Eifel) und habe den Online-Antrag bei Greenpeace Energy ausgefüllt und bereits abgeschickt. Mein Bruder und ich zahlen also jeder jetzt 2,57 EUR mehr im Monat, das ist nicht mal ein Latte Macchiato.

Den Strom hier in der Königstuhlstraße zahlt Jürgen, auch für ihn habe ich mit seinem Einverständnis die Ummeldung von der ESWE (dem örtlichen Energieversorger) zu Greenpeace Energy ausgefüllt.

Es ist so, wie mit allem anderen, wenn niemand in erneuerbare Energien investiert, wird es auch keine geben. Wenn jeder sagt, unser Bedarf  von Wohlstand und Wachstum ist nur mit Atomstrom zu decken, frage ich jetzt in dieser Situation, von welchem Wohlstand reden wir, wenn wir nach Japan schauen? Welche Kosten, welche Verluste und welches Leid tragen sie jetzt und in Zukunft für die Nutzung des Atomstroms?

Gestern Abend war bei Maybrit Illner (die ich nicht sehr mag und deren Sendung ich nur selten sehe), neben Johannes Teyssen von Eon, unserem Umweltminister Röttgen, Renate Kühnast, Hans-Peter Keitel (BDI) und R. Andreas Kraemer, Geschäftsführer des Ecologic Institute Berlin, auch Irina Gruschewaja, die sich um die Kinder von Tschernobyl kümmert. Sie wollte ich unbedingt sehen und wegen ihr habe ich die Sendung bis zum Ende verfolgt. Ihre Stellungnahme ist sehenswert, du findest sie im Netz.

Das führt uns doch vor Augen, was in den nächsten Jahren auf Japan zukommt. Ich möchte mal behaupten, dass die größten Probleme für Japan in der Zukunft liegen. Wahrscheinlich explosiv steigende Krebsraten, verseuchter Fisch, eine vergiftete Nahrungskette, Krankheitskosten, die das Gesundheitssystem schwerlich stemmen kann. Größere Teile des Landes könnten unbewohnbar werden (wenn man die Grenzwerte nicht mal wieder hoch setzt). Was kostet der Atomstrom?

Einen Aspekt, den ich in den ganzen letzten Tagen in der Diskussion vermisse, ist die Frage nach der Entsorgung/Endlagerung. Wie wir mittlerweile wissen, gibt es weder das eine noch das andere. Bei Tepco wurden Altbrennstäbe auf dem Gelände gelagert, in Reaktor 4 (vielleicht auch in 3 wie gerade über die Nachrichten kam, weswegen die Betreiber auch weder die Amerikaner, die angeboten haben, zu helfen, noch die IAEA auf dem Gelände haben wollen, denn das Lagern steht völlig im Gegensatz zu den Sicherheitsauflagen), was jetzt schon zu einer noch größeren Katastrophe in der Katastrophe geführt hat.

Aber zurück zu unserer Situation: Wer bezahlt die Schweinerei in der Asse? Der Betreiber dort hat nachweislich in den letzten Jahren geschlampt und gelogen. Die Fässer sind undicht, laufen aus. Bis etwas ins Grundwasser sickert, ist nur eine Frage der Zeit. Dicht sind die Stollen nicht, soviel weiß man ja mittlerweile (Gorleben übrigens auch nicht, ich habe einen Geologen der Uni Mainz kennen gelernt, der dort zur Erstellung eines Gutachtens gearbeitet hat).

Mit den Energieversorgern wurde der Deal gemacht, dass ein Teil aus den Mehreinnahmen durch die Laufzeitverlängerung zur Sanierung der Asse verwendet wird. Was ist denn das für ein Deal? Und: Ist das alles in die Rechnung eingepreist?

In den letzten Jahren sind aus meinem Freundeskreis 6 Frauen an Brustkrebs erkrankt, eine ist gestorben. Der Vater meiner Schwägerin ist an Lungenkrebs gestorben, ebenso der Mann der Tochter meiner Kusine (mit 42 Jahren, nie geraucht) ebenso der Bruder einer Freundin (mit etwas über 30). Mein Bruder hat ein Plasmozytom (eine Art Knochenmarkskrebs). Wenn man den Beitrag von Irina Gruschewaja hört, fragt man sich doch, ob das nicht alles zusammenhängt. Die Brustkrebserkrankungen sind in den letzten Jahren in Deutschland so sprunghaft angestiegen, mittlerweile erkrankt statistisch betrachtet jede 9. bis 10. Frau im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es uns selber trifft, ist also ziemlich groß. Unser Gesundheitssystem ist kaum noch bezahlbar. Da frage ich mich: was kostet uns der Atomstrom wirklich? Sicher, das Argument der Befürworter ist immer, dass der Zusammenhang nicht nachweisbar sei. Das ist leider auch wirklich das "Dumme" an der Sache, dass der Bezug nicht unmittelbar herzustellen und nachzuweisen ist. Das Umweltinstitut München schreibt: "Die Krebsrate bei Kindern ist in der Umgebung der drei bayerischen Standorte von Kernkraftwerken (KKW) signifikant um 20% gegenüber der Krebsrate im restlichen Bayern erhöht (p=0,0014). Das Ergebnis basiert auf den Daten der Krebsinzidenz bei Kindern in den bayerischen Landkreisen für die Jahre 1983 bis 1998." (ich frage mich übrigens: wie sähe das heute erst aus?) Sind diese Kosten für den "Wohlstand" eingepreist? Ist dann der Ökostrom wirklich im Vergleich zu teuer? Wahrscheinlich könnte man noch viele, viele weitere Zusammenhänge herstellen, die nicht in der Rechnung aufgehen, Atomaufsichtsbehörde, Oberste Atomaufsicht, Transport von Castorbehältern, etc. - alles vom Staat (also vom Steuerzahler) finanziert. Wir zahlen das alles auf den Strompreis drauf und von den Energieversorgern, die hierfür die Kosten nicht zahlen, wird Atomstrom schön billig geliefert. Eine Mogelpackung ... Und die Wahrscheinlichkeit, dass die nachfolgenden Generationen das alles mit ihrer Gesundheit bezahlen werden, ist vermutlich nicht mehr nur eine Wahrscheinlichkeit.

Ökostrom ist vielleicht beim Aufbau in der Investitionssumme teurer, aber wenn er mal da ist, steigt sicherlich unsere Lebensqualität, die Kosten verringern sich vermutlich drastisch mit der Amortisation. Die Betriebs- und Wartungskosten der Anlagen dürften kaum über denen für Atomstrom liegen und die Folgekosten, ich glaube, über die brauchen wir uns nach Fukushima gar nicht mehr zu unterhalten ....

Liebe Grüße

Inge

ARD PlusMinus, Di, 11. Mai 2010

Rückschau: Stromnetz, Engpässe, von Michael Houben

(© WDR) Weil an Nord- und Ostsee die Windkraft immer weiter ausgebaut wird und heute schon mehr Strom erzeugt als im Norden gebraucht wird, hat die Bundesregierung beschlossen, dass die Stromnetze ausgebaut werden müssen - bundesweit. Betroffene Anwohner müssen dafür elektromagnetische Strahlung verkraften, die im Extremfall bis zu 250-mal höher ist, als in anderen europäischen Ländern erlaubt. Ein Opfer für die saubere Windkraft?

Im August 2009 beschloss die damalige Große Koalition das Energieleitungsausbaugesetz. Damit wurde die Notwendigkeit von weit über tausend Kilometern neuer Hochspannungsleitungen gesetzlich festgezurrt und das Recht betroffener Anwohner gegen einen Neubau zu klagen gesetzlich beschnitten. Trotzdem regt sich Widerstand. Bürger versuchen, die neuen Leitungen, die teilweise direkt über ihren Häusern verlaufen sollen, zu verhindern. Sie haben Angst – und das nicht ganz ohne Grund.

Grenzwerte und Risiken

Eine im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz erstellte Auswertung sieht ein „erhöhtes Risiko für Alzheimer bei Personen, die in einer Entfernung von weniger als 50 Metern zu einer Hochspannungsleitung wohnen.“ Eine weitere Studie untersuchte Dutzende weltweit vorhandene Forschungsarbeiten und kommt zu folgendem Fazit: „Internationale epidemiologische Studien zu Leukämien im Kindesalter zeigen eine statistisch auffällige Häufung bei Magnetfeldern oberhalb 0,4 Mikrotesla.“ Doch bis heute ist nicht bekannt, durch welche biologische Wirkung diese Krankheiten entstehen. Rein wissenschaftlich gesehen, bleibt es daher bei einem Verdacht. Die schweizer Behörden nehmen den Verdacht ernst. Neue Leitungen dürfen nur gebaut werden, wenn Anwohner dadurch mit maximal 1 Mikrotesla belastet werden. In Holland dürfen Leitungen nur dann gebaut werden, wenn Häuser, in denen sich Kinder aufhalten, mit maximal 0,4 Mikrotesla belastet werden. In Deutschland sind noch immer Belastungen bis zu 100 Mikrotesla erlaubt. 

Erdkabel oder Freileitung?

Weil an vielen Orten die Bevölkerung gegen neue Leitungen protestierte, wurde in Niedersachsen schon vor Jahren ein Gesetz erlassen, dass neue Leitungen in bewohnten Gebieten unter die Erde zu legen sind. Die Belastung durch elektromagnetische Felder sinkt dadurch deutlich. Doch das Energieleitungsausbaugesetz schreibt ausdrücklich vor, dass nur vier neue Leitungsabschnitte als Pilotprojekt unter die Erde gelegt werden dürfen, drei davon liegen in Niedersachsen. Für alle anderen Leitungen dürfen sich die Netzbetreiber die Mehrkosten nicht erstatten lassen. Wie hoch die Mehrkosten ausfallen, ist ohnehin umstritten. Schätzungen liegen zwischen doppelten und bis zu zehnfachen Kosten. An den Strompreisen für Endkunden hat der Ferntransport über Hochspannungsnetze allerdings nur einen verschwindend geringen Anteil. Selbst wenn alle neuen Fernleitungen unter die Erde müssten, würde der Strompreis um weniger als ein Prozent steigen. Doch der Gesetzgeber war eindeutig: Vier Pilotprojekte sind erlaubt. Alle anderen Leitungen müssen oberirdisch entstehen – zur Not auch direkt über bewohnten Häusern.

Neue Leitungen für die Windkraft?

Allerdings bezweifelt manch ein Experte, dass für die Windkraft wirklich neue Leitungen benötigt werden. Einer von ihnen ist Prof. Lorenz Jarrass, der mit Buch „Windenergie“ das wissenschaftliche Standardwerk zu diesem Thema verfasst hat. Er kommt zu dem Fazit, dass allenfalls einige wenige Lückenschlüsse im Stromnetz nötig sind. Die große Mehrzahl der aktuellen Projekte werde nur deshalb benötigt, weil die großen Kohlekraftwerke auch dann betrieben werden sollen, wenn bei starkem Wind die Windkraft eigentlich ausreichen würde, um den größten Teil Deutschlands mit Strom zu versorgen.

Dass dies plausibel ist, zeigt die längste der geplanten Leitungen: Sie führt parallel zu einer bereits bestehenden Leitung von Norddeutschland durch das Ruhrgebiet mit seinen Steinkohlekraftwerken und das rheinische Braunkohlerevier bis östlich von Koblenz. Wenn kein Wind weht, transportiert die bestehende Leitung den Strom von den Kohlekraftwerken nach Norden und Süden. In Starkwindphasen könnte der Windstrom den Kohlestrom ersetzen, genügend Leitungskapazitäten wären vorhanden. Nur wenn die Kohlekraftwerke auch in einer solchen Phase weiterlaufen sollen, macht eine zweite Leitung Sinn.

Tatsächlich hat der Energiekonzern RWE im rheinischen Braunkohlerevier in den vergangenen Jahren neue Kraftwerke in Betrieb genommen. Weitere sind in Bau, ebenso wie im Ruhrgebiet. Der Sprecher der für den Netzbetrieb zuständigen RWE-Tochter Amprion verweist zwar darauf, dass es auch heute schon südlich der Braunkohlekraftwerke einen Engpass gebe, bestätigt aber ausdrücklich, dass die neuen Leitungen nicht nur der Windkraft dienen sollen. „Die zweite Herausforderung ist die Integration von neuen konventionellen Kraftwerken, die vor allem im Ruhrgebiet gebaut werden. Von diesen Kraftwerken müssen wir den Strom abtransportieren und dafür neue Leitungen bauen.“ Und dabei kann sich Amprion ausdrücklich auf die Gesetzeslage berufen.

Alternative Gleichstrom

Professor Jarrass verweist darauf, dass die klimapolitischen Versprechungen der Bundesregierung, durch Windkraft den Kohlendioxidausstoß zu senken, nicht greifen, wenn selbst an Tagen mit starkem Wind die Kohlekraftwerke nicht entsprechend heruntergefahren werden. Doch er hält den Ausbau der Leitungen auch wirtschaftlich für einen Fehler: „Wenn wir jetzt die ganzen im Energieleitungsausbaugesetz vorgesehenen Planungen realisieren, besteht das große Risiko, dass wir in beträchtlichem Umfang Fehlinvestitionen vornehmen. Diese Fehlinvestitionen muss der deutsche Stromverbraucher bezahlen mit überhöhten Strompreisen.“

Tatsächlich: Die neuen Offshore-Windparks, mit denen der Anteil der Windenergie gesteigert werden soll, liefern den erzeugten Strom an der Küste nicht als Wechsel-, sondern als Gleichstrom ab. Aus gutem Grund: Der Gleichstromtransport funktioniert – anders als klassischer Hochspannungswechselstrom – praktisch ohne Verluste. Erst an der Küste wird der Gleichstrom dann in speziellen Umspannwerken in Wechselstrom umgewandelt und soll dann mit erheblichen Verlusten über das klassische Stromnetz in den Süden transportiert werden. Laut Professor Jarass ist das wirtschaftlich unsinnig: „Den Windstrom von der Nordseeküste sollten wir über übergelagerte Netze von der Nordseeküste direkt per Gleichstrom in die Alpen und nach Süddeutschland transportieren.“

Der Vorteil liegt nicht nur in geringeren Verlusten: Gleichstrom erzeugt auch keine potenziell gesundheitsgefährdenden elektromagnetischen Felder. Außerdem lassen sich Gleichstromkabel viel einfacher unterirdisch verlegen als Wechselstromleitungen. Die Gleichstromtechnik ist noch neu und wird bislang vor allem für lange Unterseekabel genutzt. Allerdings sind insbesondere in China bereits Tausende Kilometer dieser neuen Fernleitungen in Betrieb. Auch wenn in Zukunft mit dem Projekt „Desertec“ Solarstrom aus der Sahara nach Europa kommen soll, wird dies mit Gleichstrom geschehen.

Der Bau eines derartigen Gleichstromnetzes zwischen Nord- und Süddeutschland würde sicher einige Jahre länger dauern als der momentan geplante Ausbau des althergebrachten Wechselspannungsnetzes. In der Übergangsphase müssten die Betreiber konventioneller Kraftwerke an Tagen mit starkem Wind ihre Anlagen herunterfahren, um in den vorhandenen Leitungen Platz für den Windstrom zu machen. Auf lange Sicht aber wäre der europaweite Transport von Gleichstrom die eindeutig preiswertere Alternative.

Übrigens können Neonröhren auch ohne Stromzufuhr leuchten - allein durch das elektrische Feld einer Hochspannungsleitung. Allerdings funktioniert das nur unter Höchstspannungsleitungen mit einer Spannung von 380 Kilovolt. Der Effekt funktioniert umso besser, je tiefer die Leitungen hängen.

Windkraft reicht nicht

Kraftwerke Mainz-Wiesbaden (KMW) widersprechen den Aussagen des Wirtschaftswissenschaftlers der FH1 Wiesbaden, Lorenz Jarass, der im Kurier-Interview argumentierte, dass das geplante Kohlekraftwerk eine wirtschaftliche Fehlplanung sei:

„Nur mit Windenergie allein kann die Stromversorgung im Großraum Mainz- Wiesbaden und in Deutschland kurz- und mittelfristig nicht gesichert werden. Es ist immer noch völlig offen, ob der von der Bundesregierung geplante Ausbau der Windenergie in Nord- und Ostsee bis 2020 auch nur halbwegs erreicht werden kann. Ob sich diese ehrgeizigen Pläne technisch und wirtschaftlich so umsetzen lassen, bleibt überaus fraglich. Vom zusätzlich notwendigen Ausbau von Norden oder Westen in den Süden des Landes ganz zu schweigen.
Trotz des begrüßenswerten Ausbaus der Windenergie wird es mittel- und langfristig grundlastfähige Kraftwerke in Deutschland geben müssen. Dies trifft besonderst auf die nicht windstarke Mitte und den Süden des Landes zu. Kernkraftwerke fallen für diese Aufgabe künftig weg.
Die von Professor Jarass ins Spiel gebrachte Variante eines neuen Gaskraftwerks ist keine. Angesichts der Entwicklungen auf dem Gasliefermarkt mit kunftig weiter steigenden Preisen und wachsender Abhängigkeit von Russland lässt sich dieses Projekt für die am Standort Ingelheimer Aue notwendige Erzeugung von Strom in Grundlast wirtschaftlich nicht darstellen."
Das Gezerre um das geplante Kohlekraftwerk auf der Ingelheimer Aue hat kein Ende. Die Gegner halten es unter anderem für eine Umweltsünde wegen der CO2-Emissionen, die Befürworter sehen zu dem geplanten Kohlekraftwerk, das rund 1,2 Milliarden Euro kosten soll, keine Alternative. Lorenz Jarass, Professor im Fachbereich Informatik an der FH Wiesbaden, ist kein Gegner von Kohleenergie, hält das geplante Kraftwerk aber für einen Fehler.

Herr Jarass, brauchen wir ein weiteres Kohlekraftwerk in Deutschland und muss es ausgerechnet auf der Ingelheimer Aue stehen?

Das geplante Grundlastkohlekraftwerk ist schwer regelbar und hat hohe Investitionskosten. Für die zukünftige Stromversorgung in Deutschland brauchen wir aber für den Ausgleich der stark schwankenden erneuerbaren Energien gut regelbare Reservekraftwerke mit niedrigen Investitionskosten.

Die Befürworter argumentieren, dass die Energie, die dort erzeugt wird, auch gebraucht wird, stimmt das?

Die Bundesregierung hat - einvernehmlich mit der Opposition - den weiteren massiven Ausbau der erneuerbaren Energien beschlossen. Schon in den nächsten Jahren werden wir deshalb in Deutschland immer häufiger bei Starkwindlagen einen Stromüberschuss haben. Der im geplanten Kohlekraftwerk erzeugte Strom könnte dann immer seltener verbraucht werden, weil die erneuerbaren Energien bevorzugt abgenommen werden müssen.

Ist Kohleenergie noch wirtschaftlich?

Das geplante Grundlastkohlekraftwerk kann nur wirtschaftlich betrieben werden, wenn es das ganze Jahr über mit voller Leistung betrieben werden kann.

Glauben Sie, dass es gelingt, das KMW-Kohlekraftwerk auszulasten?

Die gesamte deutsche Stromnachfrage beträgt minimal 40 Gigawatt und maximal 80 Gigawatt. Bereits heute sind in Deutschland über 30 Gigawatt (GW) erneuerbare Energien installiert, bis 2020 werden es laut Planungen der Bundesregierung über 70 GW sein, bis 2030 über 100 GW. Deshalb wird es zukünftig immer häufiger vorkommen, dass die erneuerbaren Energien die gesamte Stromnachfrage abdecken und herkömmliche fossile Kraftwerke nicht mehr einspeisen können.

Was passiert, wenn das Kraftwerk nicht ausgelastet ist?

Wenn die Auslastung sinkt, müssen Zins und Tilgung auf weniger Kilowattstunden umgelegt werden. Zudem fallen erhebliche Zusatzkosten für das dauernde Rauf- und Runterfahren des Kraftwerks an. Im Ergebnis steigen damit die Produktionskosten deutlich an, ein Verkauf an der Strombörse wäre dann nur mit Verlusten möglich. Dies befürchtet offensichtlich auch KMW und verlangt deshalb von den Stadtwerken erhebliche Mindestabnahmen. Die Stadtwerke müssten dann die Strompreise erhöhen, die Kunden würden dann verstärkt den Stromanbieter wechseln.

Was wären die weiteren Folgen?

Das könnte zu einem finanziellen Fiasko nicht nur für KMW, sondern auch für die beteiligten Stadtwerke in Wiesbaden (Eswe) und Mainz führen. Die Stadtwerke sollen ja zudem für das Kraftwerk mit Bürgschaften haften, weil die Banken nur dann Kredit geben wollen. Der gut gemeinte Kraftwerksbau wäre dann das Ende einer eigenen kommunalen Stromerzeugung und wahrscheinlich auch das Ende eigener Stadtwerke. Letztlich zahlt dann der Steuerzahler die Verluste, wie das Beispiel der Mainzer Wohnbau zeigt.
 
15. April 2008, 06:22 Uhr

GLOS GEGEN GABRIEL

Koalitionskampf ums Erdkabel

Von Christian Schwägerl und Martina Scheffler

Neuer Ärger in der Energiepolitik: Wirtschaftsminister Glos will den Ausbau von Stromleitungen forcieren - weil sonst die ehrgeizigen Ökoziele der Regierung nicht zu erreichen seien. Doch Umweltminister Gabriel fürchtet Anwohnerproteste und verlangt massenweise Erdkabel.

Berlin - Das Problem besteht schon lange, und nun muss es immer dringender gelöst werden: Um Strom aus Windanlagen vom Norden Deutschlands in die Verbrauchszentren im Süden zu transportieren, sind neue Stromleitungen der XXL-Klasse nötig. Doch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) streiten darüber, ob die Leitungen schnell gegen den Widerstand der Bevölkerung durchgeboxt oder aber primär unter der Erde verlegt werden sollen. Gabriel gefährdet Glos zufolge die Erneuerung der deutschen Energieversorgung.

Strommast: Ausbau des Netzes beschleunigen

Die beiden Minister, die sich in jüngster Zeit mit harten Bandagen über Atomkraft und Klimaschutz gestritten haben, sind sich ausnahmsweise einmal einig: "Scheitert der rechtzeitige und bedarfsgerechte Netzausbau, werden die Klimaschutzziele der Bundesregierung und die Ausbauziele erneuerbarer Energien nicht erreicht. Darüber hinaus sind sichere und leistungsfähige Netze wichtige Elemente der Infrastruktur des Landes", schreibt das Bundesumweltministerium in einer Stellungnahme zu einem Gesetz, mit dem Wirtschaftsminister Michael Glos den Ausbau des Höchstspannungsnetzes deutlich beschleunigen will.

850 Kilometer neuer Leitungen vom Norden und Osten in den Süden sind laut einer Bedarfsanalyse der Deutschen Energie-Agentur (Dena) dringend nötig, damit das Stromnetz stabil bleibt und die Versorgung gesichert ist. Mit dem Gesetz will Glos dafür sorgen, dass die Leitungen schnellstmöglich errichtet werden. Der CSU-Politiker führt zur Begründung nicht nur den Windstrom an, der von den Küsten in den Süden fließen muss, um dort wegfallende Atomkraftkapazitäten auszugleichen.

Das überalterte deutsche Stromnetz müsse auch für einen zunehmenden Stromhandel innerhalb von Europa ertüchtigt und auf viele neue Kraftwerksstandorte vorbereitet werden. Mit einem Bedarfsplan, den der Bund aufstellt, sollen langwierige Genehmigungsverfahren verkürzt werden. Der Bedarfsplan soll Bezirken und Kommunen die Möglichkeit nehmen, die Notwendigkeit der Projekte durch eigene Prüfungen zu hinterfragen. Zudem will Glos Klagemöglichkeiten von Gegnern auf eine Instanz verkürzen.

Vielerorts gibt es derzeit Widerstände gegen neue Stromleitungen (mehr dazu im aktuellen SPIEGEL). So haben sich in Thüringen Bürgerinitiativen gegründet, um eine 380-Kilovolt-Leitung zu verhindern, die der Energiekonzern Vattenfall nach Bayern bauen will. 4000 Aktivisten engagieren sich seit anderthalb Jahren gegen die "Thüringer Strombrücke". Sie befürchten gesundheitliche Gefahren, eine Verschandelung der Natur und dadurch Einbußen im Tourismus und beim Verkauf von Grundstücken. Ebenfalls bekämpft wird eine neue Höchstspannungsleitung, die durch Nordhessen führen soll.

Bis vor kurzem unterstützte auch Umweltminister Gabriel den Regierungskurs, 850 Kilometer Freileitungen zu errichten und dies durch ein neues Gesetz zu beschleunigen. Doch zur Überraschung von Glos hat der SPD-Poilitiker den bisherigen Konsens nun aufgekündigt. "Ich halte es nicht für realistisch, dass wir im bisher vorgesehenen Umfang 850 km Freileitungen neu bauen", schreibt Gabriel in einem Thesenpapier, das dem SPIEGEL vorliegt.

Wo es im Netz über größere Strecken Engpässe gebe, sollten Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ), die eine hohe Übertragungskapazität hätten, gebaut werden. Die Gleichstromleitungen würden als Erdkabel verlegt. Dies wiederum hält Glos für zu teuer und fürchtet, dass das deutsche Stromnetz kollabieren könnte. Unterstützung bekommt Glos von Stephan Kohler, dem Chef der Deutschen Energie-Agentur: "Wenn Gabriel an diesem Kurs festhält, kann er den Ausbau der erneuerbaren Energien schlichtweg vergessen", sagt Kohler.

Gabriels Ministerium führt gegen den bisherigen Ausbauplan heikle Argumente an: Verschiedene der bisherigen Annahmen seien, "etwa aufgrund der Verzögerung des Ausbaus von Wind-Offshore-Anlagen oder dem Ausmaß der Planung konventioneller Kraftwerke", aktuell "nicht mehr gültig". Damit bezieht sich das Ministerium auf zahlreiche Kraftwerksprojekte, die derzeit auf Eis gelegt oder ganz abgeblasen werden. Der Umweltminister räumt also ein, dass die Bundesregierung bei ihren Zielen für den Umbau der deutschen Energieversorgung deutlich hinterherhinkt. Nach Berechnungen des Wirtschaftsministeriums entfallen allein wegen der schleppenden Entwicklung von Windparks auf dem Meer schon jetzt mindestens 2,5 Prozentpunkte Ökostrom, die eingeplant waren, um 2020 einen Anteil von dreißig Prozent zu erreichen.

Als Grund für seinen neuen Kurs führt Gabriel aber hauptsächlich den Protest in der Bevölkerung an. Der E.on-Konzern habe es ihm schon schriftlich gegeben, dass wegen zu erwartender Klagen der geplante Netzausbau bis 2015 nicht möglich sei. "Wir können nicht den Rechtsstaat abschaffen", sagt Gabriel zum Plan von Glos, die Rechtsmittel zu beschneiden.

Stattdessen will der Umweltminister durch einen weitgehenden Verzicht auf preiswerte neue Freileitungen die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen. So solle zunächst mit modernen Technologien das bestehende Stromnetz optimiert werden. Damit könne deutlich mehr Strom transportiert werden. Die Energieversorgungsunternehmen sollten "verpflichtet werden, diese Potentiale zu nutzen und die entsprechenden Investitionen zu tätigen", schreibt Gabriel. Wenn diese Optimierungspotentiale genutzt würden, würden die Betroffenen den notwendigen Netzausbau auch leichter akzeptieren. Wo es im Netz über größere Strecken Engpässe gebe, sollten Gleichstrom-Übertragungsleitungen, die eine hohe Übertragungskapazität haben, gebaut werden. Nur "ergänzend" solle der Ausbau von Freileitungen erfolgen, in besonders sensiblen Gebieten freilich als Erdkabel. Deren Preis liegt vier- bis fünfmal über dem von Freileitungen.

„Wir schmeißen den Ökostrom einfach weg“

Florida ist durch einen massiven Stromausfall stundenlang blockiert worden – ein Szenario, das RWE-Chef Jürgen Großmann auch für Deutschland zeichnet. "Im Sommer drohen tagelange Stromausfälle" sagte der Chef des Energieriesen der "Bild"-Zeitung. In ganz Europa werde der Strom knapp, weil Kraftwerke fehlen.

Das sehen Betreiber von Windkrafträdern allerdings völlig anders. Es klingt paradox: Deutschland habe sogar zuviel Strom. Soviel Strom, dass die Netze den Ökostrom zum Teil nicht mehr aufnehmen können. Genau deshalb drohen Deutschland Stromausfälle und Kosten in Milliardenhöhe.

Ökostrom werde von den großen Betreibern vernachlässigt, sagte Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie e.V. dem ZDF. "Wir schmeißen den Ökostrom einfach weg", sagt er. Es habe bei den Netzbetreibern "keine geordnete Planung" gegeben. Seit zehn Jahren sei bereits klar, wie viel Strom in die Netze gespeist werden müsse. Nur getan werde zu wenig. Albers vermutet, die großen Netzbetreiber Vattenfall, Eon, RWE und EnBW haben wenig Interesse am Ausbau zeigten, um die Ökokonkurrenz nicht zu unterstützen.

Damit liegt er gar nicht so falsch, betrachtet man die Aussagen von RWE-Chef Großmann. Der fordert nämlich, neue Kraftwerke zu bauen. "Dazu müssen Politik und auch die Bürger ihren Widerstand gegen den Neubau von Kraftwerken aufgeben – sonst drohen Engpässe und Blackouts." Vom Ökostrom distanziert er sich. "Wir brauchen deshalb eine vernünftige Wirtschaftspolitik mit Augenmaß und keine einseitige Ausrichtung auf ökologische Ziele. Wir müssen weiter auf einen Energiemix setzen, der Braunkohle und Kernenergie mit einschließt."

Ökostrom könnte uneingeschränkt fließen


Strom aus Windkraft verfällt, falls er nicht direkt in die Netze eingespeist werden kann. Speichern können die Windräder ihre Energie nämlich nicht. Treffen die Stromkonzerne also die Ansage, die Netze seien voll, müssen die Windräder abgeschaltet werden. Bei den Betreibern von Windparks entstehen so riesige Verluste. Allein im Januar seien die Netze für zwei Wochen dicht gewesen – für die Betreiber der sieben Windparks Ellhöft entstand beispielsweise ein Schaden von rund 300.000 Euro.

Durch die vermehrte Nutzung von Ökostrom verlieren die großen Stromkonzerne Gewinne, so Professor Lorenz Jarass von der Fachhochschule Wiesbaden. Schon jetzt könnte der Ökostrom im Netz uneingeschränkt fließen, nur dürften die Netzbetreiber dann weniger Strom aus ihren herkömmlichen Kraftwerken einspeisen, sagte er dem ZDF. Die Kraftwerke werden dadurch weniger stark ausgelastet und die großen Konzerne verlieren Profit.

Gutachten 380-kV-Trasse „Nicht mal selber in der Klarheit erwartet“. Freies Wort, Suhl, 30.102007


Großbreitenbach/Wiesbaden – Das gestern der Öffentlichkeit vorgestellte wissenschaftliche Gutachten zur Frage „Sinn oder Unsinn“ der vom Energiekonzern Vattenfall geplanten Höchstspannungstrasse wird für die Landespolitik und -verwaltung umfassende Konsequenzen haben.

Darin zeigten sich vor Kameras und Mikrofonen zahlreicher Sendeanstalten und Printmedien im Großbreitenbacher Feuerwehrhaus nicht nur die Auftraggeber und Finanzierer der Studie einig, zu denen vier Landkreise Thüringens und Bayerns sowie 25 Städte und Dörfer plus drei landesübergreifende Bürgerinitiativen gehören. Prof. Dr. Lorenz Jarass, dessen renommierte Wiesbadner Forschungsgesellschaft für Alternative Technologien und Wirtschaftsanalysen (ATW) gemeinsam mit Prof. Dr. Gustav Obermair (Uni Regensburg) das unabhängige Gutachten erarbeitete und nun vor aufmerksamem Auditorium anschaulichst erläuterte: „Ich habe nicht mal selber in dieser Klarheit das Resultat erwartet: Aber die geplante Trasse ist volkswirtschaftlich und mit Windenergietransport-Argumenten absolut unbegründbar!“ (FW 29. Oktober, Seite 3 ausführlich)

Von historischer Dimension“: Gigantische Steuervergeudung

Jarass, zu dessen Auftraggebern ansonsten von der Weltbank und EU bis zur OECD auch die Bundesregierung gehört: „Für mich ist die von unten gestartete Bürgerinitiative von historischer Dimension, da sie erstmals seit dem Mauerfall landesübergreifend auf Sachargumenten bauend zurecht Protest geltend macht.“ Von nicht minderer Dimension sei die „gigantische Steuervergeudung“, mit der das Landesverwaltungsamt (LVA) das Raumordnungsverfahren durchzog und ab Altenfeld weiter führen will, ohne pauschale Vattenfall-Windenergie-Begründung und den wirklichen Zweck zu hinterfragen. Es habe sich gezeigt, dass das LVA keine aussagekräftigen Zahlen von Vattenfall vorgelegt bekam. Hier sei auf Steuerzahlerkosten ein LVA-Beschäftigungsprogramm gelaufen, das in seiner Folge ohnehin vielbeschäftigte Bürgermeister betroffener Kommunen durch Wahrnehmung ihrer Verantwortung für die Bürger zusätzlich beschäftigte. Das Gutachten untersuchte ausschließlich wirtschaftlich-technische Aspekte der Pläne, deren Öko-Etikettierung dabei voll hinten runter fiel. Nach Stand der Technik gebe es keinerlei Neubau-Notwendigkeit, weil es zu der technologisch vielfach billigere Möglichkeiten u.a. durch Optimierung bestehender Systeme gibt. Die Schlussfolgerung aus dem Gutachten, dass es letztlich beim Neubau nur um die profitorientierte Strombörsenanbindung der „Gelddruckmaschine Pumpspeicherwerk Goldisthal“ geht, überließ Jarass anwesenden Bürgerinitiativen (BI) und deren Interessengemeinschaft „Achtung Hochspannung“. Ihr Sprecher Siegfried Kriese dankte unter Beifall der Kommunal- und BI-Vertreter für die breite Solidarität bei Finanzierung des Gutachtens: „Was wir alle ehrenamtlich und selbstfinanziert leisteten, wäre voll die Sache der Politiker gewesen, die vom Steuergeld der Bürger leben. Aber die Landespolitik hat ja hier sowas von versagt!“

Gastgeberin, Bürgermeisterin und Linke-Landtagspolitikerin Petra Enders, die maßgeblich die Proteste und das Gutachten initiierte, sagte zum weiteren Vorgehen nach den Enthüllungen durch die Studie: „Was für ein Skandal! Das LVA hätte verdammt noch mal seine Arbeit machen, die Landesregierung ihre Daseinsvorsorge für die Bürger wahrnehmen müssen. Es wird sofort Kontakte mit dem Land, der Bundesregierung und EU geben. Politische Forderung: Abbruch der Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren!“ K.-U. Hubert

Nichts Besseres als das Gutachten“: 380-kV-Leitung | Kein Bedarf, rechnen die Gutachter vor und machen den Bürgermeistern an der Trasse Mut

Südthüringer Zeitung, 30.10.2007. Von stz-KorrespondentGeorg Grünewald

Großbreitenbach – Wie kommt die Windenergie von der Küste zu den Verbrauchern im Süden des Landes? Über eine neue 380-kV-Hochspannungsleitung durch den Thüringer Wald, meint der Energiekonzern Vattenfall. Doch deren Bedarf bezweifeln die Gegner der Trasse. Jetzt haben sie es schwarz auf weiß: Die Trasse ist überflüssig.

Zu diesem Schluss kommt das Gutachten der „Forschungsgesellschaft für Alternative Technologien und Wirtschaftsanalysen“ (ATW), das die Anrainer-Kommunen der geplanten „Südwestkuppelleitung“ von Vieselbach bei Erfurt nach Redwitz bei Coburg in Auftrag gegeben haben. Gestern hat es einer der Gutachter, Professor Dr. Lorenz Jarass, in Großbreitenbach seinen Auftraggebern vorgestellt: vier Landkreisen, 26 Gemeinden und drei Bürgerinitiativen aus Bayern und Thüringen.

Zum einen, so hat er ausgerechnet, reiche die vorhandene Kapazität mit den beiden Hochspannungsleitungen von Vieselbach ins hessische Mecklar und nach Redwitz in Bayern noch bis zum Jahr 2010. Vorsichtig kalkuliert, fügt er hinzu. Wahrscheinlich auch bis ins 2012 oder 2013. Jedenfalls lange genug, um die bestehenden Leitungen zu ertüchtigen, ist der Gutachter der Kommunen überzeugt.

Auf Netzverstärkung und Netzoptimierung der bestehenden Hochspannungsleitung Remptendorf-Redwitz setzt Jarass. Durch Freileitungsmonitoring zum Beispiel. Mit der Hitzeentwicklung in den Kabeln hat Letzteres zu tun, erläutert er den Bürgermeistern. Und der nachvollziehbaren Logik: Mehr Strom, mehr Hitze. Um eine Überhitzung zu vermeiden, werde deshalb der Strom, der durch die Leitung gejagt wird, begrenzt. Nur: Bei dieser Begrenzung gehe man von Extrembedingungen aus. Sommerliche Hitze zum Beispiel, bei der die 80 Grad, auf die die Hochspannungsleitungen ausgelegt sind, schneller erreicht werden als beispielsweise im herbstlichen Nebel.

Aber selten herrschen 35 Grad im Thüringer Wald, wenn es an der Nordsee stürmt, gibt Jarass zu Bedenken. Würde man die Temperatur der Leitung überwachen, könnte man entsprechend mehr Strom durchleiten. Man könnte sich an den 80 Grad in der Leitung orientieren, statt Höchstmengen festzulegen, die auf Extrembedingungen ausgelegt sind. Eine Sache von wenigen Stunden sei es, die nötigen Messinstrumente für die Netzoptimierung anzubringen, erläutert Jarass.

Eine zweite Maßnahme sei in wenigen Monaten umzusetzen: Die Aufrüstung des bestehenden Netzes mit Hochtemperaturseilen. Auf 150 bis 200 Grad seien diese ausgelegt, entsprechend mehr Energie kann man durchleiten, ohne dass die Kabel zu heiß werden. Nur einen Nachteil gebe es: Die Übertragungsverluste würden steigen. Das falle aber kaum ins Gewicht, wenn es – wie Vattenfall behauptet – nur darum gehe, die Spitzenleistungen der Windenergie zu transportieren.

In Japan seien schon 70 Prozent des Hochspannungsnetzes mit solchen Hochtemperaturseilen ausgerüstet. Auch in den USA gebe es sie bereits und selbst in Tschechien. „Die wollen Geld sparen“, sagt der Wirtschaftsprofessor.

Das könnte auch Vattenfall, ist er überzeugt. Höchstens ein Viertel der Neubau-Kosten würde die Netzertüchtigung kosten, wahrscheinlich sogar nur ein Sechstel. Dabei könne man mit Netzverstärkung und Netzoptimierung die mittlere Belastbarkeit um mindestens 50 Prozent erhöhen. Kurzfristig sei sogar mehr als die doppelte Übertragungsleistung möglich.

Allemal genug für die erwarteten Windenergiezuwächse, ist der Gutachter überzeugt. Denn E.ON, Vattenfall und die dena-I-Studie der Deutschen Energie-Agentur machten einen entscheidenden Fehler: Sie gehen davon aus, dass sie ihr Netz für 90 Prozent der installierten Windkraftwerksleistung ausbauen müssten. Und sie ignorierten dabei, dass die Vorschriften des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) nur den Ausbau bis zur „wirtschaftlichen Zumutbarkeit“ fordern. „Wirtschaftlich zumutbar“ hat Jarass schnell definiert: „Der Nutzen muss höher sein als die Kosten.“ Im vergangenen Jahr habe der Wind aber nur eine Viertelstunde deutschlandweit so konstant kräftig geblasen, dass alle Windkrafträder im Schnitt 90 Prozent ihrer Leistung erreicht haben. Dass sich die Ausbauinvestitionen für diese Viertelstunde nicht lohnen, muss Jarass nicht weiter vorrechnen.

Wäre das Netz „nur“ auf 65 Prozent der theoretisch erzeugbaren Windenergie ausgelegt, würde immer noch weniger als 1 Prozent der Windenergie verloren gehen, weil man sie mangels Netzkapazität nicht einspeisen kann. Auch wenn Vattenfall die Windmüller für den 1-Prozent-Verlust entschädigen würde, käme das deutlich billiger als ein Netzausbau, hat Jarass ausgerechnet. Ein Ausbau darüber hinaus sei folglich wirtschaftlich nicht zumutbar.

Er sei selbst überrascht gewesen, wie eindeutig das Ergebnis ausgefallen sei, sagt Jarass. Es gebe überhaupt keine Vattenfall-Zahlen – außer denen zu den Windenergieprognosen. Nicht die einzige Überraschung, wie er betont. Die zweite: Er habe noch nie erlebt, dass eine so große Leitung gebaut werden soll, ohne dass der Energiekonzern eine Begründung vorlege. Ein Seitenhieb auf die Genehmigungsbehörden, vor allem das Thüringer Landesverwaltungsamt, das überhaupt nicht nach der Wirtschaftlichkeit und den Bedarf gefragt habe. Eine „gigantische Verschwendung von Steuergeldern“, empört er sich. Und ein Beschäftigungsprogramm für ohnehin überlastete Bürgermeister. Aber auch ein wichtiger Fakt im Falle einer Klage: „Jedes Gericht wird detaillierte Begründungen anfordern“, macht Jarass Bürgermeistern und Bürgerinitiativen Mut.

Die richten schon den Blick nach vorne. Vattenfall und E.On müssen ihre Anträge zurückziehen, fordert der Vorsitzende der Interessengemeinschaft „Achtung Hochspannung“, Siegfried Kriese. Wenn nicht, dann werde man „konsequent den Klageweg beschreiten“, versichert er.

Etwas Besseres als das Gutachten kann man gar nicht in den Händen halten“, freut sich auch die Großbreitenbacher Bürgermeisterin und Landtagsabgeordnete Petra Enders (Die Linke). Auch EU und Bundesumweltministerium müssten das Gutachten zur Kenntnis nehmen. Und der Landtag sei gefragt. Einen entsprechenden Antrag für das November-Plenum werde sie vorbereiten, kündigt Enders schon mal an.

Laut Studie ist Stromtrasse "vierfach überflüssig", Thüringer Allgemeine, 29.102007.


Unter den Bürgermeistern, die gestern Nachmittag im Großbreitenbacher Feuerwehrschulungsraum saßen, malten die Mienen eine Befindlichkeit zwischen Erleichterung und Nachdenklichkeit. Erleichterung, weil das Geld für die Trassen-Studie gut angelegt zu sein scheint, und Nachdenklichkeit, wie wenig manche Projekte begründet sind.


GROSSBREITENBACH. Die Professoren Jarass und Obermair halten die geplante 380-kV-Höchstspannungstrasse über den Thüringer Wald für unnötig und unwirtschaftlich. Dies gilt nach den Aussagen einer Studie, die gestern in Großbreitenbach erstmals offiziell den Auftraggebern und den Medien präsentiert wurde, sowohl kurz-, wie mittel- und langfristig.Umfangreich erklärt die Studie die nötigen Zusammenhänge, die sich zu einer einfachen Quintessenz zusammenfassen lassen: Für den Transport von in Ostdeutschland erzeugter, aber nicht im Verhältnis zu verbrauchender Windenergie reichen die bisher installierten Systeme aus. Rechnet man die offiziell verfügbaren Zahlen künftigen Wachstums von Windstrom dazu, dann können die bisherigen Anlagen mit einem Bruchteil des sonstigen Aufwandes ertüchtigt werden. Jarass nannte hier die Stichworte Freileitungsmonitoring und Hochtemperaturseile. Mit Hilfe dieser Techniken wären Wind- und damit Stromerzeugungsspitzen abfangbar, die bis an die Grenze der wirtschaftlichen Zumutbarkeit gehen, die im Erneuerbare-Energien-Gesetz festgeschrieben ist.Erst wenn der Bau von Windkraftanlagen auf offener See deutlich erkennbar voranschreite, seien grundsätzlich neue Netze nötig, selbst ein Ausbau bisheriger Leitungen bringe dann nichts mehr.Lorenz Jarass bezeichnete es als Verschwendung von Steuermitteln, wenn ein offensichtlich so schwach begründeter Antrag überhaupt zugelassen werde, selbst wenn man nicht rechtlich zur Prüfung verpflichtet gewesen sei.Weil solche Großprojekte durch ihren Konfliktreichtum ohnehin vor den Gerichten landeten, würden detaillierte Begründungen ohnehin fällig. Allerdings hielt sich Jarass auffällig bedeckt, was Spekulationen über den wahren Grund des Trassenausbaus anging. Er folgere aus öffentlich Fakten, die von keiner Seite bestritten würden. Mutmaßungen gehörten nicht zur Studie. Nachfragen aus Erfurt, inwieweit die Erdverkabelung untersucht worden sei, beantworteten sich durch die Überflüssigkeit der Leitung an sich. Auf noch schwächeren Füßen steht nach Jarass´ Ansicht die außerdem untersuchte Notwendigkeit der 110-kV-Leitung im Raum Stadtilm, nach der sich Ilmtal-Bürgermeister Wilfried Neuland (CDU) nochmals erkundigte. Hier sei nicht einmal im Ansatz eine stichhaltige Begründung erkennbar.Siegfried Kriese, Sprecher des Bündnisses der Bürgerinitiativen, erklärte, mit der Studie habe der Widerstand gegen die Trasse neuen Aufwind bekommen. Jetzt müsse jede Genehmigungsbehörde diese Darlegungen berücksichtigen. Gastgeberin Petra Enders (Linke), Großbreitenbacher Bürgermeisterin und Landtagsabgeordnete, forderte, dass unverzüglich das Genehmigungsverfahren abzubrechen sei.

Gutachten: Stromtrasse durch den Thüringer Wald überflüssig. dpa, 29.10.2007.

Großbreitenbach (dpa/th) - Die vom Energie-Konzern Vattenfall geplante Hochspannungsleitung durch den Thüringer Wald ist einem Gutachten zufolge überflüssig. Das bestehende Netz könne kostengünstig nachgerüstet werden, heißt es in der Untersuchung der Forschungsgesellschaft für Alternative Technologien und Wirtschaftsanalysen, die der Wiesbadener Wirtschaftsprofessor Lorenz Jarass am Montag in Großbreitenbach bei Suhl vorgestellt hat. Die geplanten großen Offshore-Windanlagen in der Ostsee, die als Begründung für den Bau angeführt werden, benötigen nach Ansicht von Jarass »gänzlich andere Netze«.

Stromtrasse durch den Thüringer Wald - Unnütz und zu teuer, Thüringer Allgemeine, 30.10.2007

Die geplante Starkstromtrasse durch den Thüringer Wald ist unnötig. Das besagt ein neues Gutachten, das gestern im südthüringischen Großbreitenbach vorgestellt wurde.

GROSSBREITENBACH. Überflüssig, viel zu teuer und rechtswidrig. So schätzt der Wiesbadener Wirtschaftsprofessor Lorenz Jarass die vom Energie-Konzern Vattenfall geplante 380-kV-Trasse ein. Die Region verfüge bereits über ein dichtes Leitungsnetz, das man kostengünstig ausbauen könnte, so das Ergebnis der Forschungsgesellschaft für Alternative Technologien und Wirtschaftsanalysen, deren Gutachten von 33 Gemeinden und Bürgerinitiativen in Auftrag gegeben wurde. Bis 2010 reiche die bestehende Übertragungsleistung. Dann könne man sie unter anderem durch Hochtemperaturseile verdoppeln - zu weitaus niedrigeren Kosten. Vattenfall und Eon hätten, so der Vorwurf des Gutachters, zu hohe Bedarfswerte angegeben. Als Basis hätten die Netzbetreiber 90 Prozent der Leistungsstärke der Windkraftanlagen genommen. Realistisch sei aber nur eine Leistung von 65 Prozent. Damit reduziert sich laut Jarass die für das Jahr 2015 erwartete Leistung von sechs auf 4,5 Gigawatt - nicht zu viel für das bestehende Netz, wenn es entsprechend nachgerüstet würde. Kritik äußerte Jarass am Landesverwaltungsamt. Die Behörde hätte es versäumt, Begründungen für die Trasse einzufordern. Ein Sprecher wies dies zurück.

Vattenfall plant die Trasse mit bis zu 100 Meter hohen Masten, um den aus Windkraft erzeugten Strom von der Küste nach Süddeutschland zu leiten. Anwohner fürchten um ihre Gesundheit, die Natur und den Tourismus. TA

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