Alle Atomkraftwerke abschalten, Gaskraftwerk in Wiesbaden jetzt bauen
Wiesbadenener Kurier, 17.03.2011
 

Professor Jarass glaubt nicht an sichere deutsche Atomkraftwerke / Gas und erneuerbare Energien als Ersatz


Der GAU nach dem Erdbeben in Japan hat unmittelbare Auswirkungen auf die deutsche Energiepolitik. Die Bundesregierung hat am Dienstag angekündigt, sieben vor 1980 gebaute Atomkraftwerke (AKW) vorübergehend abschalten zu wollen. Für fünf alte AKW könnte dies das endgültige Aus bedeuten, darunter Biblis A und B in Hessen. Professor Lorenz Jarass (59), Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule RheinMain und Experte für Windenergie glaubt, dass erneuerbare Energien und kostengünstige Gaskraftwerke geeignete Alternative sind.

Herr Jarass, führen die furchtbaren Ereignisse in Japan zu einem Wandel in der deutschen Energiepolitik?

Der GAU ist eine große Zäsur. Und es ist das eingetreten, was auch die hessische Landesregierung nie ganz ausgeschlossen hat: Es besteht das Risiko einer Kernschmelze und der Verwüstung großer Landstriche in Hessen. Genau das ist in Japan eingetroffen und hätte in Biblis eintreffen können.

Aber Ursache in Japan war ein extremes Erdbeben ...

Wir hatten in Mainz und Umgebung erst kürzlich ein Erdbeben mit beträchtlicher Stärke von 4,4 auf der Richterskala. Es ist nicht auszuschließen, dass es hier auch zu erheblich stärkeren Beben kommt. Darauf sind die hiesigen Atomkraftwerke aber nicht ausgelegt.

Es heißt doch vonseiten der Politik, dass die deutschen Kernkraftwerke die sichersten der Welt sind?

Das ist eine systematische Propaganda der Politik. Auch die japanischen Kernkraftwerke galten als die sichersten der Welt. Das gilt aber nur solange nichts Unerwartetes passiert. Man muss sich klarmachen, was die Folgen eines GAU in Biblis wären: Das Rhein-Main-Gebiet wäre nicht mehr zu nutzen, das Gebiet dauerhaft verstrahlt. Ich habe deshalb die große Befürchtung, dass die Politik jetzt so tut, als würde sie aus der Atomenergie aussteigen, und in sechs Monaten will sie nichts mehr davon wissen.

Wie sieht es mit den Alternativen zur Atomenergie aus? Müssen wir in Wiesbaden doch wieder über ein neues Kohlekraftwerk nachdenken?

Zunächst muss die Bundesregierung die schrittweise Abschaltung der Kernkraftwerke beschließen. Dann macht betriebswirtschaftlich der Bau eines Gaskraftwerks auf der Ingelheimer Aue Sinn.

Also keine Kohle?

Nein. Kohlekraftwerke sind zu teuer, schwer regelbar und stoßen zu viel CO2 aus. Gaskraftwerke sind dagegen kostengünstiger und vor allem schnell regelbar. Sie sind als Ergänzung zu dem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien notwendig. Weil Gaskraftwerke schnell regelbar sind, können sie etwa die stark schwankende Windenergie ausgleichen.

Wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden, wie decken wir den Energiebedarf?

Neben dem Einsatz von Gaskraftwerken und erneuerbaren Energien haben wir große Einsparpotenziale beim Energieverbrauch. Wenn alle Hauseigentümer ihre Gebäude energetisch sanieren würden, wie das ein zu den Akten gelegter Plan der Bundesregierung noch 2010 vorsah, könnten wir mehr als 20 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland einsparen. Eine bessere Wärmedämmung an Häusern spart vor allem an den fossilen Energieträgern Öl und Gas.
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