Wiesbadener Kurier, 23.02.2013
Von Karl Schlieker

Professor Jarass kritisiert Planungen / Kohlestrom profitiert / Kunden
zahlen die Zeche

Der breit angelegte Netzausbau scheint ohne Alternative. Die meisten
Windkraftanlagen stehen im hohen Norden, die meisten der bereits oder in
Zukunft stillgelegten Kernkraftwerke im Süden. In den kommenden zehn Jahren
sollen deshalb nach dem Netzentwicklungsplan 2012 neue Stromtrassen von rund
2 800 Kilometern komplett neu gebaut werden.

Der Wiesbadener Wirtschaftsprofessor an der Hochschule RheinMain, Lorenz
Jarass, hält im Gespräch mit dieser Zeitung die gesamte Diskussion für
kafkaesk. „Der Netzausbau ist völlig überambitioniert. Die Zeche zahlt am
Ende der Stromverbraucher“, betont der streitbare Grüne. Und noch schlimmer:
Durch den übertriebenen Netzausbau werde die Energiewende in ihr Gegenteil
verkehrt.

Warum? Je stärker die Stromnetze ausgebaut werden, desto weniger kommt laut
Jarass der Einspeisevorrang der erneuerbaren Energien zum Tragen. Da die
absoluten Starkwindlagen nur an wenigen Tagen im Jahr vorkommen, könnte der
Braunkohlestrom praktisch immer ungehindert mittransportiert werden. So
entstehe die paradoxe Situation, dass der Atomstrom im Süden auch durch
Kohlestrom aus dem Ruhrgebiet ersetzt wird. „Es geht bei dem übertriebenen
Netzausbau also darum, dass die Kohlekraftwerke bei starkem Wind nicht vom
Netz genommen und heruntergefahren werden müssen“, kritisiert Jarass, der
zusammen mit Gustav Obermair das Buch „Welchen Netzumbau erfordert die
Energiewende“ veröffentlicht hat.

„Der ganze Strom, der da transportiert werden soll, kann im Süden gar nicht
verbraucht werden“, erläutert Jarass. Der nicht benötigte Strom solle
vielmehr ins Ausland verkauft werden. Deshalb würden die „Kohlemüller“ den
Ausbau der Netze so eindeutig unterstützen. Ein Ziel der Energiewende –
Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen durch den verminderten Einsatz
fossil befeuerter Kraftwerke – würde damit konterkariert.

„Optimiert wird nicht das Stromnetz, sondern allein der Kraftwerkseinsatz,
ohne dabei die Kosten des dafür erforderlichen Ausbaus gegenzurechnen – ein
schwerer methodischer Fehler“, schimpft Jarass. Der Stromverbraucher sei der
Dumme. Die Pläne zum Netzausbau widersprechen für ihn jedenfalls den vom
Gesetzgeber geforderten Prinzipien der volkswirtschaftlichen Zumutbarkeit
und den Vorgaben zum „effizienten Netzausbau“. Und da alles gesetzlich
fixiert sei, seien alle Gerichte dieser Welt schachmatt gesetzt.

Der Wirtschaftsprofessor fordert die grundsätzlichen Annahmen für die
Netzplanung, auf eine vernünftige Grundlage zu stellen. Als Erstes müsste
nach Jarass Ansicht das Energiewirtschaftsgesetz angepasst werden. Es sollte
klargestellt werden, dass es keine direkte oder indirekte Einspeisegarantie
für Kohlestrom gibt. Betreiber von Kohlekraftwerken könnten dann nicht mit
Schadensersatzansprüchen drohen, wenn ihr Strom nicht abgenommen wird.

Der zweite Schritt wäre für Jarass, dass nicht mehr die Jahreswindspitze für
die Netzplanung als Richtwert genommen wird. Mit der Kappung von
Leistungsspitzen könnte der gesamte Ausbau der Netze auf ein vernünftiges
Maß reduziert werden. Hier sieht Jarass erste Erfolge, so habe die
Bundesnetzagentur in diesem Punkt bereits eingelenkt.

Notwendig ist für Jarass in einem dritten Schritt dann die Verstärkung
bestehender Leitungen. Ein großer Vorteil sei, dass der Netzentwicklungsplan
erstmals bundesweit das vorhandene Netz und alle Planungen zusammenfasst.
„Auf dieser Grundlage kann dann der Netzumbau angegangen werden: nicht zu
viel und nicht zu wenig.“

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