ew – Magazin für die Energiewirtschaft, 06/2016, S. 56-60

 

Früher wurde der Strom meist außerhalb der Verbrauchsregion erzeugt, und eine Netzverstärkung oder ein Leitungsneubau wurde nur bei einer deutlichen Erhöhung des örtlichen Stromverbrauchs erforderlich. Mittlerweile verursacht der massive Ausbau der erneuerbaren Energien immer häufiger den regionalen Netzausbaubedarf, da die zunehmende erneuerbare Stromeinspeisung nicht mehr in der Region verbraucht werden kann und deshalb über das 110-kV-Hochspannungsnetz zum nächsten Einspeisepunkt in das überregionale 380-kV-Höchstspannungsnetz übertragen werden muss. Im Folgenden wird ein Verfahren für den regionalen Stromnetzausbau erläutert, das eine Abwägung zwischen einem Leitungsneubau und einer Verstärkung bestehender Leitungen vornimmt.

 

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BR, 07.03.2016

Hessenschau, 31. Mai 2016

OTV, 27.04.2016

 

Die bisherigen Untersuchungen der Bundesnetzagentur basieren darauf, auch bei Starkwindeinspeisung, also wenn mehr als genug erneuerbarer Strom vorhanden ist, die Kohlekraftwerke weiterlaufen zu lassen. Die Bundesregierung und die Bundesnetzagentur weigerten sich aber bisher nachhaltig, Untersuchungen anzustellen, welche Leitungen für die Integration des erneuerbaren Stroms erforderlich sind. Diese Untersuchungen seien aber notwendig, um sagen zu können, ob und in welchem Ausmaß ein Netzausbau mit neuen Stromtrassen nötig ist.

 

Das Parlament, Heft 08/2014

 

Wirtschaft Der Stromleitungsbau kommt in Bayern nicht voran. Blockadevorwürfe

 

Ausgerechnet dort, wo sie am nötigsten wäre, verliert die Energiewende an Schwung. In Bayern kommen immer noch 30 Prozent des Stroms aus Kernkraftwerken, die in den nächsten Jahren abgeschaltet und durch erneuerbare Energien ersetzt werden sollen. Doch es hakt überall: Es werden zu wenig Windräder gebaut, und gegen den Bau von Höchstspannungsleitungen, die den Strom aus ertragreichen Windenergiegebieten nach Süden transportieren sollen, gibt es massiven Widerstand. Die Bayerische Staatsregierung will ein Moratorium. Der Leitungsbau solle erst dann weiterbetrieben werden, wenn klar ist, welche Vorgaben sich durch die Novellierung des Erneuerbare Energien-Gesetzes (EEG) ändern würden.

 

"Doppelte Sabotage"

Die bayerische Haltung sorgte am Donnerstag im Bundestag für Aufregung. Die Opposition kritisierte in einer Aktuellen Stunde das Moratorium zum Stromleitungsbau scharf und forderte, den "bayerischen Löwen" Horst Seehofer (CSU) wieder einzufangen, der frühere Beschlüsse zur Energiewende mitgetragen habe. Die Abgeordnete Julia Verlinden (Grüne) warf dem Ministerpräsidenten Seehofer vor, nicht nur den Stromleitungsbau, sondern durch neue Abstandsregelungen auch den Bau von Windenergieanlagen zu verhindern. "Das ist eine doppelte Sabotage der Energiewende, die wir uns nicht leisten können." Seehofers Eskapaden würden der Energiewende in Deutschland und auch der sicheren Energieversorgung in Bayern schaden, sagte Verlinden. Der Netzausbau müsse beschleunigt werden. Er müsse naturverträglich sein und eine transparente Planung haben, die die Menschen einbeziehe. Zur Erhöhung der gesellschaftlichen Akzeptanz gebe es die Möglichkeit der Erdverkabelung.

 

Die Forderung nach mehr Erdverkabelung stieß auf scharfe Kritik von Michael Fuchs (CDU): Wenn die Grünen Erdverkabelung wollen, "dann sagen Sie bitte gleichzeitig dazu, dass das acht mal so teuer wird und wer das bezahlen soll". Fuchs sagte, die Ost-Süd-Trasse nach Bayern werde dringend gebraucht, aber es seien ausgerechnet die Grünen, die sich ausdrücklich gegen den Bau dieser Leitung ausgesprochen hätten: "Das ist scheinheilig." Die Grünen seien die größten Verhinderer des Netzausbaus. Wer gegen diese Thüringer Strombrücke sei, müsse wissen, dass das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld dann länger laufen müsse. Die Grünen seien auch gegen Pumpspeicherkraftwerke, die zur Stabilisierung des Systems dringend notwendig seien. Joachim Pfeiffer (CDU) sagte, die Erdverkabelung sei weder technisch ausgereift noch erhöhe sie die Akzeptanz. Es sei bis heute kein Erdkabel verlegt worden.

 

Den gegen die Grünen erhobenen Blockade-Vorwurf wies Dieter Janecek (Grüne) zurück. Es sei die CSU, die vor Ort blockiere und eine "Energiewende auf Basis von heißer Luft betreibe". In Wirklichkeit wolle die CSU zurück zur Atomenergie und sei der "Totengräber der Energiewende".

 

"In Bayern regiert das energiepolitische Chaos", sagte Eva Bulling-Schröter (Die Linke). Die CSU, die die Atomkraft immer unterstützt habe, habe keinen Plan für eine zukunftsfähige Energieversorgung in Bayern und wolle die Energiewende an die Wand fahren lassen. Nach Ansicht von Ralph Lenkert (Die Linke) ist der geplante Netzausbau tatsächlich überzogen. Statt dessen müsse es eine mehr dezentrale Energieversorgung geben.

 

Für die Bundesregierung erklärte der Parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Uwe Beckmeyer (SPD), "das Moratorium hat rechtlich keine Wirkung". Die geplanten Maßnahmen würden auf realistischen Bedarfsberechnungen beruhen. Es gebe keinen Grund, diese in Frage zu stellen. Die Zeit dränge. "Wir sind mit dem Netzausbau hinterher", sagte Beckmeyer, der außerdem feststellte: "Das Gesetz gilt."

 

Hubertus Heil (SPD) erklärte, es gehe wohl auch um die Frage, wie es um die Akzeptanz von Infrastruktur in diesem Land bestellt sei. Es sei geradezu fahrlässig, diese Akzeptanz für notwendige Infrastrukturen, zumal für solche, die zum Gelingen der Energiewende beitragen, in Frage zu stellen. Karl Holmeier (CSU) appellierte dagegen, die Vorlage der EEG-Novelle abzuwarten. Eine verantwortungsvolle Politik heiße, auf Veränderungen neu zu reagieren.

 

Allerdings sind die von Seehofer und der Staatsregierung geäußerten Bedenken nicht ganz neu. Bereits in der Anhörung des Bundestages zum Zweiten Gesetz über Maßnahmen zur Beschleunigung des Netzausbaus Elektrizitätsnetze (17/12638) am 15. April 2013 hatte sich Professor Lorenz Jarass (Hochschule Rhein-Main Wiesbaden) mit deutlicher Kritik zu Wort gemeldet. Er bezeichnete die Netzausbauplanungen als "einseitig von den Interessen der Stromerzeuger geprägt". Der geplante weit überdimensionierte Netzausbau bedrohe die gesellschaftliche Akzeptanz des weiteren Ausbaus erneuerbarer Energien und damit die Energiewende insgesamt. Als Grund für den überdimensionierten Ausbau der Netze nannte er die Interessen der Kohlekraftwerksbetreiber, Strom auch bei Starkwind ins Ausland exportieren zu können. Die Verbraucherzentrale Bundesverband zweifelte ebenfalls den Umfang der geplanten Netzausbaumaßnahmen an und gab in ihrer Stellungnahme den Hinweis auf Alternativen bei der Erreichung der Ausbauziele für die erneuerbaren Energien, die möglicherweise "einen geringeren, zumindest aber einen zeitlich gestreckten Netzausbau möglich machen".

 

Auch die Erdverkabelung ist aus Sicht der Experten höchst problematisch. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hatte gefordert, bevor über eine Ausweitung der Erdverkabelung im Bereich der Leitungen im Bereich von 380-Kilovolt (kV) entschieden werde, sollten zunächst die Erfahrungen mit den vier Pilotstrecken abgewartet werden. "Neben deutlich höheren Kosten birgt die Teil-Erdverkabelung Risiken, die die Versorgungssicherheit beeinträchtigen könnten", warnte der BDEW. Die Bundesnetzagentur stellte fest: "Die Erdverkabelung muss zunächst durch Pilotvorhaben erprobt werden." Belastbare Erkenntnisse und Erfahrungen mit einer Erdverkabelung auf der Höchstspannungsebene lägen noch nicht vor. Auch Professor Albert Moser (RWTH Aachen University) riet dazu, Erdkabel angesichts der hohen Bedeutung eines zuverlässigen und sicheren Übertragungsnetzes erst zu erproben. Aus technischer und wirtschaftlicher Sicht seien Freileitungen beim Übertragungsnetzausbau grundsätzlich zu bevorzugen.

 

Monitor, ARD, 22.02.2014

 

 

Ohne Netzausbau wird es keine Energiewende geben, für Politiker aller Parteien ist dieser Satz ein Dogma. Bürgerinitiativen, die sich gegen den Bau der neuen Stromautobahnen wehren, geraten in den Ruf der ewig Gestrigen, der Störer und Bremser. Nur: Große Teile der neuen Gleichspannungsleitungen sind unnötig, sagen namhafte Experten und Wissenschaftler. Und, noch überraschender: Zwei der drei Stromautobahnen haben mit der Energiewende nichts zu tun, sie nutzen nach übereinstimmenden Berechnungen der Experten allein der Kohleindustrie. Mit Milliarden Euro bezahlen die Bürger also einen Stromtrassenausbau, der nicht nur wenig mit der Wende zu den Erneuerbaren zu tun hat, sondern die grüne Energie sogar bremst und die CO2-Bilanz Deutschlands verschlechtert. MONITOR über ein Riesenprojekt, das vor allem die Betreiber von Stein- und Braunkohlekraftwerken freuen wird.

MDR, 14.02.2014

 

Geplanter Leitungsbau in Thüringen
Energieexperte erneuert Kritik an Stromtrassen

Der Wirtschaftswissenschaftler Lorenz Jarass hat seine Kritik am geplanten Neubau weiterer Starkstrom-Leitungen erneuert. Die Trassen dienten weniger dem Transport von Strom, der in Windparks auf dem Meer produziert wurde. Vielmehr sicherten sie den Weiterbetrieb alter Kohlekraftwerke, teilte Jarass am Donnerstag mit. Er bezieht sich dabei auf den aktuellen Netzentwicklungsplan. Hintergrund sind Pläne, eine Gleichstromtrasse entlang der Autobahn 9 durch Thüringen zu bauen.

 

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In Thüringen entsteht derzeit nahe der A 71 eine Hochspannungsleitung.


Die Leitungsplanung widerspricht laut Jarass dem Kerngedanken der Energiewende. Sinnvoller sei der Ausbau schnell regelbarer Gaskraftwerke in Bayern, um die Zeit zu überbrücken, bis der Energiebedarf fast vollständig aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden kann. Solche Investitionen würden sich wegen der geplanten Leitungen jedoch nicht lohnen. Der Wirtschaftswissenschaftler Jarass ist Professor an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden und hatte bereits ein Gutachten zum Nutzen geplanter Leitungen erstellt. Nach seiner Ansicht ist auch die im Bau befindliche "Strombrücke", eine 380-kV-Leitung von Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt nach Altenfeld in Bayern unnötig. Der Ausbau bestehender Trassen würden laut Jarass genügen. Die Strombrücke soll in Thüringen unter anderem durch den Thüringer Wald führen.

 

Thüringer Landesregierung will keine weiteren Trassen

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MDR INFO


Gnauck: Alternativen außerhalb Thüringens prüfen

Bei einem Vermittlungstreffen von Bund und Ländern hatte es am Mittwochabend keine Einigung gegeben. Während Sachsen-Anhalt zum Beispiel den Bau neuer Starkstromleitungen befürwortet, ist Thüringen dagegen: Staatskanzleiminister Jürgen Gnauck sagte am Donnerstag bei MDR INFO, der Freistaat könne nicht alle Lasten tragen, nur weil Thüringen in der Mitte Deutschlands liege. Bei dem Treffen war immerhin vereinbart worden, dass die gegenwärtigen Netzausbaupläne bis zum Sommer überprüft werden sollen.

Neben der "Strombrücke" gibt es derzeit konkrete Pläne der Netzbetreiber 50Hertz und Amprion für die sogenannte Gleichstrompassage Süd-Ost, die von Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt über Ostthüringen nach Meitingen in Bayern verlaufen soll. Dafür hatten die Netzbetreiber im Januar einen Vorzugstrassenkorridor vorgeschlagen, der in Thüringen entlang der Autobahn 9 verlaufen soll. Allerdings gibt es sowohl in Ostthüringen als auch in Bayern Widerstand gegen diesen Plan.
Eine weitere Starkstromtrasse plant der Netzbetreiber Tennet. Diese trägt den Namen "SUED.LINK" und soll von Schleswig-Holstein nach Bayern führen. Bei den Planungen war auch ein Trassenverlauf durch Nord- und Westthüringen erwogen worden. Nach jüngeren Angaben von Tennet soll die Trasse aber nun nicht durch Thüringen führen.

ZDF heute journal, 12.02.2014

 

ZDF nano, 06.02.2014

 

Neue Leitungen für Kohlestrom erforderlich, aber nicht für die Integration von Erneuerbaren Energien.

 

SPIEGEL-Online, 29.08.2013

 

Mehr Klimaschutz? Von wegen. Laut einer internen Prognose der Bundesnetzagentur werden Braunkohlemeiler auch 2022 mit fast voller Kraft laufen - obwohl man ihren Strom immer weniger braucht. Hauptgrund sind politische Fehlsteuerungen.

 Trotz Energiewende - Netzagentur rechnet mit langem Braunkohle-Boom

Hamburg - Bei der Gestaltung der Energiewende ist die Bundesregierung im Wahljahr vor allem durch Untätigkeit aufgefallen. Der Umbau der deutschen Stromversorgung erhält dadurch eine problematische Richtung: Der Klimaschutz wird vernachlässigt, und den Verbrauchern werden unnötig hohe Kosten zugemutet.

 

Wie sich Deutschlands Energieversorgung in den kommenden zehn Jahren entwickeln soll, zeigt eine Prognose von Deutschlands oberster Energiebehörde, der Bundesnetzagentur. Das Dokument, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, prognostiziert für jede Stunde des Jahres 2022, wie viel Strom die unterschiedlichen Kraftwerke produzieren. Zwei Punkte sind bemerkenswert:

 

  • Obwohl der Anteil von Ökostrom von 23 auf 35 Prozent steigen soll, sind die Braunkohlekraftwerke laut Bundesnetzagentur auch 2022 fast durchgehend enorm stark ausgelastet.
  • Die absolute Strommenge, die Braunkohlekraftwerke ins Netz speisen, soll nur leicht sinken: 2012 produzierten die Meiler gut 159 Terawattstunden Elektrizität; 2022 sollen es 148 Terawattstunden sein.

 

Trotz Energiewende- Netzagentur rechnet mit langem Braunkohle-Boom_Bild2

Prognose der Bundesnetzagentur für 2022: Braunkohlemeiler sind fast durchgehend stark ausgelastet.
Nur ab und an sinkt die Produktion drastisch,unter anderem durch Wartungsarbeiten.

 

Insgesamt steigt die deutsche Stromproduktion sogar. Zwar fallen durch die Atomkraftwerke, die bis 2022 nach und nach vom Netz gehen, gut 100 Terawattstunden Elektrizität weg. Doch die Ökostromanlagen, die im selben Zeitraum hinzukommen sollen, schaffen rund 150 Terawattstunden.

 

Gewaltige Überproduktion

Die Folge: In Deutschland wird immer mehr Strom produziert, den man zur nationalen Versorgung gar nicht braucht. Dadurch steigen die Exporte. Schon im vergangenen Jahr waren sie mit knapp 23 Terawattstunden auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Für 2023 geht die Bundesnetzagentur gar von 75 Terawattstunden aus - genug Strom, um mehr als 21 Millionen Haushalte ein Jahr lang zu versorgen. Aus der gewaltigen Überproduktion ergeben sich zwei Probleme:

 

  • Den Verbrauchern werden in kurzer Zeit sehr hohe Kosten zugemutet. Um die Strommassen zu transportieren, müssen sehr schnell neue Leitungen gebaut werden - was Milliarden kostet. Dazu steigt paradoxerweise die Stromrechnung der Endverbraucher. Denn Elektrizität aus Ökostromanlagen wird mit einem festen Preis vergütet. Die Differenz zwischen Fixpreis und Börsenpreis gleichen die Verbraucher über ihre Stromrechnung aus. Durch das immer größere Überangebot sinkt der Börsenpreis, und die Verbraucher zahlen immer mehr drauf.
  • Zudem verkommt der Begriff Energiewende zur Phrase. Es wird weit mehr klimaschädlicher Braunkohlestrom produziert, als für die Versorgung der Bundesrepublik nötig wäre. Das Versprechen "Mehr Ökostrom = mehr Klimaschutz" wird nicht eingelöst - obwohl die Verbraucher genau dafür Milliarden zahlen. Rächen könnte sich das womöglich beim Netzausbau. Der in der Bevölkerung unbeliebte Bau neuer Leitungen dürfte noch unbeliebter werden, wenn sich herumspricht, dass man die Strippen nicht nur für den neuen Ökostrom braucht, sondern auch, weil Strom aus schmutziger Braunkohle die Netze verstopft.

 

Die Bundesnetzagentur teilt mit, die interne Prognose bilde die derzeit gültigen Mechanismen des Strommarkts ab. Der Betrieb von Braunkohlekraftwerken sei enorm günstig. "Ihre Wettbewerbsposition wird bei einem zunehmenden Anteil erneuerbarer Energien kaum beeinträchtigt." Der gewaltige Ausbau der Leitungen ergebe sich aus der geltenden Rechtslage: Diese verpflichte die Betreiber der Netze dazu, den Kraftwerken stets allen Strom abzunehmen, "diskriminierungsfrei".

 

Alternativen zu wenig berücksichtigt

Daran zeigt sich das Grundproblem der Energiewende. Die Bundesregierung hat zu lange nicht gestaltet. Nun werden die Gesetze den Anforderungen der Energiewende immer weniger gerecht.

 

Ändert sich das nicht bald, entsteht in Deutschland ein Strommarkt, dessen CO2-Ausstoß trotz Ökowende kaum schrumpft. Und es entsteht ein Monsternetz, das den Verbrauchern schon jetzt hohe Kosten für den Neubau von Leitungen zumutet, die ohne Überproduktion vielleicht erst später, an anderer Stelle oder gar nicht gebaut werden müssten.

 

Man könnte die Energiewende anders gestalten. Eine breite Front von den Grünen bis zum Kraftwerksbetreiber E.on fordert zum Beispiel, den Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten in Europa wiederzubeleben. Wären die Ausstoßrechte für Kohlendioxid nicht mehr so spottbillig, zum Beispiel indem man die Verschmutzungsrechte verknappt, würden die besonders CO2-intensiven Braunkohlekraftwerke automatisch an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Nur gehen die Chancen für einen solchen Kompromiss gegen Null. Zu mächtig ist der Einfluss der Industrie in Brüssel.

 

Auch in Deutschland gibt es Ansatzpunkte für eine klima- und verbraucherfreundlichere Energiewende. Ein Weg wäre, die Stromnetze nicht länger als neutrale Infrastruktur zu verstehen, sondern auch als Steuerungsinstrument für die Energiewende. Man könnte Engpässe also in Kauf nehmen, um den Platz für überschüssigen Strom zu begrenzen. So hat das Forschungsinstitut Ecofys ebenfalls gerade in einer Studie beleuchtet, dass der Ausbau erneuerbarer Energien auch bei verzögertem Netzausbau möglich ist - sofern die neuen Anlagen gleichmäßig über die Bundesrepublik verteilt werden.

 

Andere fordern, Gaskraftwerke im Wettbewerb zu stärken. Diese verursachen deutlich weniger CO2 und lassen sich schnell hoch- und herunterfahren. Sie könnten die schwankende Versorgung aus erneuerbaren Energien gut ausgleichen.

 

Die kommende Bundesregierung wird sich diese und andere Vorschläge ansehen müssen. Es ist höchste Zeit, die kommende Phase der Energiewende zu gestalten. Eine Reform der Förderung erneuerbarer Energien wird dazu nicht reichen. Es geht um das große Ganze.

TAZ, Berlin, 27./28.04.2013

 

Die Energiewende braucht mehr Stromtrassen, hat der Bundestag gerade beschlossen. Doch Bürgerinnen wehren sich gegen den Bau. Zu Recht?

 

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Klimaretter, Susanne Ehlerding, 05. April 2013

 

Wer es schon immer geahnt hat, darf sich durch eine Tagung beim Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) bestätigt fühlen: Der geplante Netzausbau in Deutschland ist wahnsinnig überdimensioniert. Und er wird so auch nicht für die Energiewende gebraucht. Mehr Höchstspannungsleitungen sind nur deshalb nötig, damit parallel zum Ausbau der Erneuerbaren die Kohlekraftwerke weiterlaufen können. Das ist das Fazit eines Vortrags von Lorenz Jarass am heutigen Freitag beim DIW.

Aus Berlin Susanne Ehlerding

 

Der Experte nahm "methodische Fehler und Fehleinschätzungen der Netzausbauplanungen" in seinem Vortrag aufs Korn. Dazu hatte ihn das DIW nach Berlin eingeladen. Lorenz Jarass ist Autor mehrerer Standardwerke zur Energiewende und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden. Am Freitag diskutierte er mit anderen Referenten das Thema "Netzausbau in Deutschland und den europäischen Nachbarländern – Ist weniger mehr?"

 

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Der Ökonom Lorenz Jarass räumt mit einigen Mythen der Stromnetzplanung auf. (Foto: Susanne Ehlerding)

 

Diese Frage beantwortete Jarass' Vortrag eindeutig mit Ja. Doch trotz all der Fehlplanungen ist der Professor "gut gelaunt", weil sich nämlich seine Vorschläge für einen schlaueren Netzausbau langsam durchsetzen, wie er meint. So schlug Jarass schon vor Jahren die Umrüstung von Masten mit Hochtemperaturseilen statt einem Neubau vor. Damals stellten sich die Übertragungsnetzbetreiber noch hin und sagten: "Das geht technisch nicht und das haben wir sowieso noch nie gemacht" – so erinnert sich Jarass an Diskussionen im Thüringer Landtag und in seiner Heimat Niederbayern.

 

"Einen gewissen Hoffnungsschimmer" sieht Jarass mittlerweile auch beim Abtransport von Strom aus Windenergie. Zusammen mit dem Bundesverband Windenergie fordert der Experte, Lastspitzen abzuschneiden. Das bedeutet: Eine Stromleitung muss nicht mehr für die an wenigen windreichen Tagen anfallende maximale Leistung eines Windrades ausgelegt sein.

 

"Ja, sie sind wahnsinnig geworden"

 

Laut Zahlen der Bundesnetzagentur erzielt ein Winrad nur an 172 Stunden im Jahr mehr als 80 Prozent der installierten Leistung. Würde man sie nicht ernten, verlöre man nur 0,4 Prozent der gesamten Jahresarbeit von Onshore-Windenergieanlagen.

 

Die Netzagentur hat die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber nun aufgefordert, Alternativberechnungen für das Abschneiden seltener regenerativer Erzeugungsspitzen anzustellen. Im Sommer sollen die Ergebnisse vorliegen. Bisher gilt allerdings noch die Devise, die Leitungen müssten für die Spitzenwerte ausgebaut werden. "Sind die wahnsinnig geworden?", fragt Jarass da angesichts dieses Angriffs auf den gesunden Menschenverstand und gibt die Antwort gleich mit: "Ja, sie sind wahnsinnig geworden!"

 

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So können Strommasten auch aussehen – ein künstlerischer Entwurf aus Island soll die
Akzeptanz bei den Bürgern erhöhen. Ob das wohl klappt? (Foto: Choi+Shine Architects)

 

 

Unsinnig ist laut Jarass auch das Prinzip des "marktgetriebenen Kraftwerkseinsatzes". Das bedeutet, dass die Kraftwerke in der Reihenfolge ihrer variablen Kosten eingesetzt werden – bekannt unter dem Begriff "Merit Order". Dabei kommen nach den erneuerbaren Energien mit ihren sehr geringen variablen Kosten gleich die Kohlekraftwerke an die Reihe, weil die Energieerzeugung aus Kohle angesichts des darniederliegenden Emissionshandels billig ist. Jarass nannte ein Beispiel dafür: An Tagen, an denen die Erneuerbaren den Strombedarf nicht decken können, wird deshalb zuerst vermeintlich billiger Kohlestrom von weit her transportiert, statt ein umweltfreundliches Gaskraftwerk von nebenan zu nutzen.

 

Zudem berücksichtigt die Netzausbauplanung nicht die Möglichkeit, konventionelle Kraftwerke herunterzuregeln, wenn genug Strom aus erneuerbaren Quellen im Netz ist. Dieser sogenannte Redispatch verursacht nämlich Kosten, die die Übertragungsnetzbetreiber im Gegensatz zum Netzausbau nicht auf die Kunden umlegen können, erklärte Jarass. "Den Netzausbau zahlt der Stromverbraucher, da fällt das Geld vom Himmel", fügte er ironisch hinzu.

 

Netzausbau für Kohlekraftwerke bedroht Akzeptanz der Energiewende

 

Die Weigerung, Redispatch in die Netzausbauplanung einzubeziehen, widerspreche grundlegend der Energiewende, deren Ziel ja mehr erneuerbare Energien und weniger Kohlestrom seien, kritisierte Jarass: "Bei ausreichendem Erneuerbare-Energien-Angebot müsste die Kohlestromproduktion heruntergefahren werden. Der nun vorgesehene Netzausbau für den Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken auch bei Starkwindeinspeisung ist deshalb extrem kontraproduktiv für die Energiewende und bedroht ihre gesellschaftliche Akzeptanz."

 

Brauchen wir aber nicht trotzdem einen Netzausbau für die Zeit, wenn Deutschland seinen Strom zum größten Teil aus Erneuerbaren beziehen wird? "Wahrscheinlich nicht", sagt Jarass. "Wenn wir das System total umbauen, ist das nach allem, was man für die nächsten 20 bis 30 Jahre sagen kann, nur denkbar, wenn wir in großem Umfang erneubares Gas herstellen." Gemeint ist die Speicherung von überschüssigem Strom als Gas, das mittels Elektrolyse hergestellt wird (Power to Gas). Noch befinden sich entsprechende Anlagen im Versuchsstadium.


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Vertreter der uckermärkischen Bürgerinitiative "Biosphäre unter Strom – keine Freileitung durchs

Reservat" entfalteten bei der Tagung ein Transparent. Die Forschungsergebnisse von Lorenz

Jarass geben Bürgerinitiativen neue Argumente. (Foto: Susanne Ehlerding)

 

Die Kraftwerke, die dieses Gas verbrennen, müssten nah an den Verbrauchern stehen. Auch dafür wäre also kein Netzausbau nötig, glaubt der Experte. "Wer der Meinung ist, wir bräuchten für 100 Prozent Erneuerbare neue Leitungen, der muss es belegen", sagte Jarass. Bisher stehe dieser Beleg aus.

Bayrisches Fernsehen, Montag, 18.03.2013

 

 

Der Transport und die Verteilung von Strom werden in Zukunft immer mehr zur
zentralen Frage der geplanten Energiewende. Je mehr Energie durch
Fotovoltaikanlagen, Windparks oder Biogasanlagen erzeugt wird, desto größer
werden die Anforderungen an ein neues Stromnetz. Ohne einen Um- und Ausbau
der Netzte drohen regelmäßige Stromausfälle.
"Faszination Wissen" trifft Kritiker, die das Ausmaß des momentan geplanten
Ausbaus infrage stellen und eine ökonomisch und ökologisch sinnvollere
Umgestaltung des Netzes fordern.

Wiesbadener Kurier, 23.02.2013
Von Karl Schlieker

Professor Jarass kritisiert Planungen / Kohlestrom profitiert / Kunden
zahlen die Zeche

Der breit angelegte Netzausbau scheint ohne Alternative. Die meisten
Windkraftanlagen stehen im hohen Norden, die meisten der bereits oder in
Zukunft stillgelegten Kernkraftwerke im Süden. In den kommenden zehn Jahren
sollen deshalb nach dem Netzentwicklungsplan 2012 neue Stromtrassen von rund
2 800 Kilometern komplett neu gebaut werden.

Der Wiesbadener Wirtschaftsprofessor an der Hochschule RheinMain, Lorenz
Jarass, hält im Gespräch mit dieser Zeitung die gesamte Diskussion für
kafkaesk. „Der Netzausbau ist völlig überambitioniert. Die Zeche zahlt am
Ende der Stromverbraucher“, betont der streitbare Grüne. Und noch schlimmer:
Durch den übertriebenen Netzausbau werde die Energiewende in ihr Gegenteil
verkehrt.

Warum? Je stärker die Stromnetze ausgebaut werden, desto weniger kommt laut
Jarass der Einspeisevorrang der erneuerbaren Energien zum Tragen. Da die
absoluten Starkwindlagen nur an wenigen Tagen im Jahr vorkommen, könnte der
Braunkohlestrom praktisch immer ungehindert mittransportiert werden. So
entstehe die paradoxe Situation, dass der Atomstrom im Süden auch durch
Kohlestrom aus dem Ruhrgebiet ersetzt wird. „Es geht bei dem übertriebenen
Netzausbau also darum, dass die Kohlekraftwerke bei starkem Wind nicht vom
Netz genommen und heruntergefahren werden müssen“, kritisiert Jarass, der
zusammen mit Gustav Obermair das Buch „Welchen Netzumbau erfordert die
Energiewende“ veröffentlicht hat.

„Der ganze Strom, der da transportiert werden soll, kann im Süden gar nicht
verbraucht werden“, erläutert Jarass. Der nicht benötigte Strom solle
vielmehr ins Ausland verkauft werden. Deshalb würden die „Kohlemüller“ den
Ausbau der Netze so eindeutig unterstützen. Ein Ziel der Energiewende –
Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen durch den verminderten Einsatz
fossil befeuerter Kraftwerke – würde damit konterkariert.

„Optimiert wird nicht das Stromnetz, sondern allein der Kraftwerkseinsatz,
ohne dabei die Kosten des dafür erforderlichen Ausbaus gegenzurechnen – ein
schwerer methodischer Fehler“, schimpft Jarass. Der Stromverbraucher sei der
Dumme. Die Pläne zum Netzausbau widersprechen für ihn jedenfalls den vom
Gesetzgeber geforderten Prinzipien der volkswirtschaftlichen Zumutbarkeit
und den Vorgaben zum „effizienten Netzausbau“. Und da alles gesetzlich
fixiert sei, seien alle Gerichte dieser Welt schachmatt gesetzt.

Der Wirtschaftsprofessor fordert die grundsätzlichen Annahmen für die
Netzplanung, auf eine vernünftige Grundlage zu stellen. Als Erstes müsste
nach Jarass Ansicht das Energiewirtschaftsgesetz angepasst werden. Es sollte
klargestellt werden, dass es keine direkte oder indirekte Einspeisegarantie
für Kohlestrom gibt. Betreiber von Kohlekraftwerken könnten dann nicht mit
Schadensersatzansprüchen drohen, wenn ihr Strom nicht abgenommen wird.

Der zweite Schritt wäre für Jarass, dass nicht mehr die Jahreswindspitze für
die Netzplanung als Richtwert genommen wird. Mit der Kappung von
Leistungsspitzen könnte der gesamte Ausbau der Netze auf ein vernünftiges
Maß reduziert werden. Hier sieht Jarass erste Erfolge, so habe die
Bundesnetzagentur in diesem Punkt bereits eingelenkt.

Notwendig ist für Jarass in einem dritten Schritt dann die Verstärkung
bestehender Leitungen. Ein großer Vorteil sei, dass der Netzentwicklungsplan
erstmals bundesweit das vorhandene Netz und alle Planungen zusammenfasst.
„Auf dieser Grundlage kann dann der Netzumbau angegangen werden: nicht zu
viel und nicht zu wenig.“

Prof. Dr. Lorenz Jarass ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule RheinMain. Er ist Spezialist auf dem Gebiet der Steuern und der Energieversorgung, wird regelmäßig zu Anhörungen der EU-Kommission, des Europäischen Parlaments oder der Deutschen Bundesregierung eingeladen. Zudem veröffentlicht Jarass regelmäßig Publikationen zu seinen Forschungsgebieten. Im Interview mit Milk the Sun spricht Jarass, dessen neues Buch „Welchen Netzumbau erfordert die Energiewende?“ heißt, über die Energiewende, die Photovoltaik und den geplanten Netzausbau.

Solarenergie Erneuerbare Energie

 

Milk the Sun: Sehr geehrter Prof. Jarass, Deutschland nimmt eine Vorreiterrolle in Sachen Energiewende ein. Der Atomausstieg wurde von der Bundesregierung in kürzester Zeit durchgesetzt. Ist die Energiewende richtig und wichtig?

 

Jarass: Energiewende heißt: Atomausstieg, weniger fossiler und mehr erneuerbare Energieträger. Dieses Ziel muss nachhaltig verfolgt werden: Verringerung der Klimaerwärmung (CO²-Problem), weniger Notwendigkeit, unsere Jugend weltweit Gas- und Ölreserven sichern zu lassen, geringere Abhängigkeit von Importen aus politisch und wirtschaftlich instabilen Ländern.

 

Milk the Sun: Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler hat vor kurzem den Netzentwicklungsplan der Bundesnetzagentur entgegen genommen und vorgestellt. Der Plan sieht gewaltige neue Trassen für den Stromtransport vor. Ist dieser Ausbau notwendig?

 

Jarass: Der Bundesbedarfsplan fordert einen weit überdimensionierten Netzumbau mit vielen neuen Leitungen, der zudem die Ziele der Energiewende – Reduzierung der CO²-Emissionen durch verminderten Einsatz fossil befeuerter Kraftwerke – konterkariert.

Die resultierenden unnötigen Kosten müssten vom Stromverbraucher getragen werden zusätzlich zu den enormen kurzfristigen Belastungen für die Energiewende.

 

Milk the Sun: Werden durch den Netzentwicklungsplan bewusst die fossilen Energieerzeuger gefördert?

 

Jarass: Genauso ist es. Das Stromnetz soll so stark ausgebaut werden, dass z.B. auch bei Starkwindeinspeisung alle Kohlekraftwerke, die das wollen, gesichert ins Netz einspeisen können. Dies steht im klaren Widerspruch zur Energiewende.

 

Milk the Sun: Wird die Energiewende für die Interessen mächtiger Industrien und Lobbys benutzt, um Profite und deren Möglichkeiten zu steigern?

 

Jarass: Wie schon gesagt: Energiewende heißt: Mehr erneuerbare, weniger fossile Energien. Der vorgelegte Netzausbauplan behindert dieses Ziel, weil er Einspeisung von Kohlestrom auch parallel zur Starkwindeinspeisung ermöglichen würde. Dies würde die derzeit hohe Akzeptanz der Energiewende zerstören: Dann würde der Stromverbraucher EEG-Umlage bezahlen, um den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu fördern. Und trotz erfolgreichem Ausbau der Erneuerbaren Energien müsste der Stromverbraucher erhöhte Netzentgelte bezahlen, um einen Ausbau der Netze für die gesicherte Einspeisung von Kohlekraftwerken auch bei Starkwindeinspeisung zu finanzieren. Ein Neubau von Leitungen sollte ausschließlich für die Integration von Erneuerbaren Energien in die allgemeine Energieversorgung gemacht werden. Damit wäre nur ein deutlich geringerer Netzausbau erforderlich und damit wesentlich geringere Kosten für die Stromverbraucher.

 

Milk the Sun: Was kann ein Privatkunde dagegen tun?

 

Jarass: Der Privatkunde kann selbst Strom erzeugen, z.B. durch eine Photovoltaikanlage, und er kann auch Energie einsparen, z.B. durch eine Hausdämmung.

 

Milk the Sun: Wie müsste Ihrer Meinung nach das Netz in Deutschland gestaltet und ausgebaut werden?

 

Jarass: Das Stromnetz sollte nur so stark ausgebaut werden, wie es für eine vernünftige Integration der erneuerbaren ‘Energien erforderlich ist, keinesfalls aber, wie derzeit vorgesehen, auch für eine zusätzlich Einspeisung von Kohlestrom auch bei Starkwindeinspeisung.

 

Milk the Sun: Windenergie und Photovoltaik sind inzwischen die größten Energieerzeuger in Deutschland. Welche weiteren Chancen sehen Sie für diese Arten der Energiegewinnung in den kommenden Jahren?

 

Jarass: Photovoltaik und Windenergie wird bei weiter sinkenden Produktionskosten zukünftig auch verstärkt zur Warmwassererzeugung und mittelfristig auch zur Hausheizung eingesetzt werden.

 

Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Jarass für das Interview.

 

Zum Originalbeitrag auf "Milk the Sun"

SPIEGEL-Online, 18. Juli 2012
Eine solche Steilvorlage lässt sich die Industrie nicht entgehen: Zwei
Minister der Regierung Merkel zweifeln an den Zielen der Energiewende,
prompt erhöht die Wirtschaft den Druck. "Die Politik muss die Kosten
senken", fordert der Chef des Industrie- und Handelskammertags.
Hamburg - Vertreter der deutschen Wirtschaft greifen die Zweifel der
Bundesregierung an der Energiewende auf. Die Politik müsse bei der
Neuausrichtung ihrer Pläne insbesondere auf die Kosten achten, sagte der
Hauptgeschäftsführer des Deutschen-Industrie und Handelskammertags (DIHK),
Martin Wansleben, "Handelsblatt Online". In den vergangenen Jahren hätten
drohende Kostensteigerungen zumindest teilweise durch mehr Effizienz, also
weniger Verbrauch, aufgefangen werden können. Doch die Möglichkeiten seien
geringer geworden, sagte Wansleben. "Die Politik muss daher mit hoher
Priorität die Kosten der Energiewende senken."


Die Planungen von Bund und Ländern für Netzausbau und Ausbau der
erneuerbaren Energien müssten besser koordiniert werden, sagte Wansleben.
Der Einspeisevorrang der Erneuerbaren müsse begrenzt werden. Im Klartext:
Strom etwa aus Gaskraftwerken solle für die Betreiber rentabler werden -
damit sich der Bau solcher konventionellen Kraftwerke lohnt.
In den vergangenen Tagen hatten sowohl Umweltminister Peter Altmaier (CDU)
wie auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) an den zentralen Zielen
der Energiewende gezweifelt. Altmaier stellte unter anderem den geplanten
Rückgang des Stromverbrauchs um zehn Prozent bis 2020 in Frage. Rösler
bekräftigte am Mittwoch, er teile die Sorge vieler Verbraucher und gerade
auch der mittelständischen Unternehmen wegen der hohen Strompreise. Die
Bezahlbarkeit von Strom habe jetzt Vorrang, sagte er den "Lübecker
Nachrichten". Er bekenne sich aber auch "ausdrücklich zu den Zielen und zum
Zeitplan der Energiewende".


Ex-Umweltminister Töpfer hält Ziele für machbar

In der "Süddeutschen Zeitung" warnten führende Umweltexperten davor, von der
Energiewende abzurücken. Der Umbau der Stromversorgung hin zu erneuerbaren
Energien sei machbar, sagte Ex-Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) der "SZ".
Der Leiter des Umweltbundesamts, Jochen Flasbarth, kritisierte, dass die
Energiewende verstärkt als Kostenproblem dargestellt werde. "Ich hatte
gehofft, dass diese einseitige Kostenbetrachtung von vorgestern überwunden
sei", sagte Flasbarth. Wenn die Umweltkosten einberechnet würden, seien
Atom- und Kohlestrom viel zu teuer.

 

Laut einer Greenpeace-Studie ist Strom in Deutschland auch gar nicht
besonders teuer: Deutschlands Industriestrompreise lägen im europäischen
Vergleich zwar relativ hoch, sie seien aber seit 2007 nicht gestiegen - im
Gegensatz zu fast allen EU-Staaten. Damit sei die deutsche stromintensive
Industrie in Bezug auf die von ihr gezahlten Strompreise in den letzten
Jahren sogar wettbewerbsfähiger geworden.

 

Wissenschaftler haben zudem ausgerechnet, dass die Kosten der Energiewende
deutlich gesenkt werden könnten. Deutschland verschwende Milliarden beim
Netzausbau, kritisieren die Wissenschaftler Lorenz Jarass und Gustav
Obermair. Ihr Vorwurf: Der Netzentwicklungsplan sei überteuert, ineffizient
und in Teilen sogar rechtswidrig. Er sehe den Bau zu vieler Leitungen vor
und belaste die Verbraucher mit geschätzten Kosten von 20 Milliarden Euro
bis 2022 über Gebühr.


Die Opposition warf der Regierung vor, es mit der Energiewende nie ernst
gemeint zu haben. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sprach im
SPIEGEL-ONLINE-Interview von einer "sich selbst erfüllenden Prophezeiung".
Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann,
sagte, die Energiewende der Koalition bestehe bisher aus "reiner
Ankündigungspolitik".bestens.

 

Jetzt liegt der Plan auf dem Tisch: Für die Energiewende sollen in den
kommenden Jahren 2.800 Kilometer neue Stromtrassen durch Deutschland gebaut
werden, Kosten: 10 bis 20 Milliarden Euro. Das sei notwendig, um den
Windstrom aus dem Norden in den Süden zu transportieren, so die
Bundesnetzagentur. Kritiker bemängeln, der Netzausbau sei überdimensioniert
- und nicht nur für Windstrom, sondern auch für klimaschädliche
Braunkohle-Kraftwerke gedacht. Die sollen neben Windstrom auch noch ins Netz
passen und beinahe rund um die Uhr volle Kraft Strom produzieren, auch wenn
Deutschland so viel gar nicht braucht. Teurer Netzausbau für bessere
Renditen alter Kohlekraftwerke von RWE und Vattenfall?

 

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