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Energieexperte widerspricht

„Stromnetze brechen nicht zusammen“

Von Joachim Wille

Der Wiesbadener Energieexperte Professor Lorenz Jarass hält Warnungen vor einem Zusammenbruch der Stromnetze wegen zu hoher Einspeisung von Wind- und Solarstrom für stark übertrieben. Der Ökonom fordert, der Ökoenergie absolute Priorität beim Verbrauch zu geben und die konventionellen Kraftwerke entsprechend herunterzufahren. „Dann ist der noch nötige Netzausbau durchaus mach- und finanzierbar“, sagte Jarass der Frankfurter Rundschau. Auch er plädiert allerdings dafür, den Ausbau der Solarstrom-Produktion zu bremsen, solange sie noch so teuer ist wie heute. Die Kosten gingen sonst „durch die Decke“. Jarass ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule RheinMain und erforscht Windenergie sowie andere Aspekte der Energieversorgung seit 1977.

Jarass nennt es eine „unbewiesene Behauptung“, dass die erneuerbaren Energien den Ausbau der „Stromautobahnen“ (also des 380-Kilovolt-Netzes) um bis zu 3500 Kilometer notwendig machten. Es gebe in Deutschland bereits ein stark ausgebautes Höchstspannungsnetz, zudem wachse der Stromverbrauch nicht mehr. Die Bundesregierung wolle ihn aus Klimaschutzgründen sogar bis 2020 um acht Prozent senken. „Nur wenn man Elektrizität aus den konventionellen Kraftwerken zusätzlich zu großen Mengen Ökostrom durchleiten will, entstehen die Probleme“, argumentiert der Ökonom.

Der Experte reagiert damit auf Angaben der Deutschen Energieagentur (Dena), die den Bau von bis zu 3500 Kilometer neuer Höchstspannungstrassen für notwendig hält und vor einem bereits kurzfristig drohenden Netzkollaps durch die boomende Solarenergie warnt. „Die Netze stehen vor der Überlastung durch Sonnenstrom“, hatte Dena-Chef Stephan Kohler der FR gesagt.

Jarass verweist auf die Erfahrung, dass Atom- und Kohlekraftwerke derzeit auch bei hoher Ökostrom-Einspeisung kaum heruntergeregelt würden. „Die Stromkonzerne behaupten zwar, ihre Kraftwerke könnten sich flexibel anpassen“, sagt er. Tatsächlich geschehe das aber kaum, wodurch bei hoher Windstärke und viel Sonne ein Stromüberschuss entstehe, der „fast zum Nulltarif“ ins Ausland verschoben werde. Es sei aber „absurd, dass die Gesellschaft einerseits den Ausbau der klimafreundlichen Ökostroms mit viel Geld finanziert, andererseits aber die Stromkonzerne eine Rechtsanspruch auf Einspeisung ihres Stroms aus Atom- und Kohlekraftwerken haben“. Daher müsse der Ende 2009 gekippte Verbrauchsvorrang für die Elektrizität aus Wind, Sonne und Biomasse wieder eingeführt werden. Das freilich bedeute das „baldige Aus für die Atomenergie“, da die AKW nicht schnell völlig abgeschaltet und wieder hochgefahren werden könnten.

Stromnetz an Speicherseen anbinden

Als Ergänzung für die schwankenden Ökostrom-Einspeisung fordert der Experte den Bau von hochflexiblen Gas-Kraftwerken, die beschleunigte Anbindung des hiesigen Stromnetzes an die Speicherseen in Skandinavien und den Neubau von Pumpspeicherkraftwerken in den deutschen Mittelgebirgen – etwa im Thüringer Wald oder im Schwarzwald.

Die absehbaren Widerstände der Bürger dagegen könnten durch eine ökologisch sensible Planung überwunden werden, meint Jarass. Außerdem sei es möglich, die vorhandenen Strom-Autobahnen technisch so aufzurüsten, dass sie die doppelte Strommenge transportieren könnten. Als Beispiel nannte er die 380-kV-Trasse von Hamburg ins mittelhessische Gießen. Sie wird vom Betreiber Tennet demnächst mit einem „Temperatur-Monitoring“ der Stromkabel betrieben werden, was einen deutlich höheren Windstrom-Transport von Nord nach Süd ermöglicht.

Jarass kritisiert zwar auch den „explosionsartigen Ausbau“ des Solarstroms − allerdings nicht, weil die Netzprobleme unbeherrschbar würden, sondern weil die Kosten dieser Energieform noch zu hoch seien. Er empfiehlt deswegen eine zusätzliche Kürzung der garantierten Einspeisevergütung, die die Anlagenbetreiber erhalten, oder eine Deckelung des jährlichen Zubaus.

Dena-Chef Kohler hatte gefordert, die Förderung aus Netzgründen zu stoppen, wenn ein Zubau von einem Gigawatt Leistung erreicht ist. Das wäre nur rund ein Zehntel der acht bis zehn Gigawatt, die im Jahr 2010 erreicht werden dürften.

Jarass hält es für möglich, regional auftretende mittägliche „Superspitzen“ bei der Solareinspeisung „wegzuregeln“ − so wie das bei den Windrädern bereits üblich ist. Diese Anlagen werden vom Netz genommen, wenn das Netz überlastet ist. Dadurch könnten aktuelle Netzprobleme verhindert werden, meint der Experte.


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