Wiesbadener Kurier

Nichts wäre leichter als eine gescheite Steuerreform

Der Wiesbadener FH Professor Lorenz Jarass will Lohnempfänger entlasten und nach US-Vorbild Unternehmen eine Mindeststeuer verordnen

Von Kurier-Redakteur Manfred Gerber

WIESBADEN Nichts wäre einfacher als eine vernünftige und gerechte Steuerreform. Nach dem Prinzip: "Wir dekkeln die Belastungen und wir deckeln die Begünstigungen." Was sich so simpel anhört ist das Ergebnis jahrelanger Forschungen des Wiesbadener FH-Professors Lorenz Jarras. Jarras hat die Steuersysteme Deutschlands, sämtlicher Nachbarländer, Japans und der USA studiert und verglichen. Der Professor, der auch Grünen-Stadtverordneter im Wies-badener Rathaus ist, weiß: Was Deutschland gut täte, hat Präsident Ronald Reagan schon 1986 in den USA eingeführt. Dort gibt es seither für Unternehmen einen Mindest(bundes-)steuersatz von 20, einen Höchststeuersatz von 35 Prozent. Für Privatpersonen liegen die Sätze zwischen 26 und 42 Prozent. Die Zeiten, in denen sich Superverdiener vor Steuern drücken konnten, sind vorbei. Dafür sind die, die durch ihre Arbeit etwas leisten, entlastet. Im Mai diesen Jahres hat der Wiesbadener im Washingtoner Finanzministerium alle Feinheiten unter die Lupe genommen. Daß die Konzerne die Reaganschen Ge- setze abschaffen wollen, ist für Jarras "der beste Beweis, daß sie funktionieren". Deutschland heute: Wer 7000 Mark brutto verdient, bekommt nur 45 Prozent netto auf die Hand. Vor der Reaganschen Reform hatten in den USA nach Jarras' Angaben die Hälfte der 250 größten Firmen keinen Pfennig Steuern gezahlt. Stattdessen hatten sie umgerechnet 8,6 Millionen Mark Subventionen kassiert. Daß sich das änderte, hat ein kleiner Club aus vier Leuten bewirkt: die "Bürger für Steuergerechtigkeit". Als die es geschafft hatten, daß Millionen Amerikaner mit dem Aufkleber "Ich zahle mehr Steuern als General Electric" durchs Land fuhren, war die Industrie-Lobby besiegt. Nach diesem Vorbild würde Jarras im nächsten

Stammtisch-Regiment

Jahr gerne in den Bundestagswahlkampf ziehen, wenn ihn die Wiesbadener Grünen - wie schon 1994 - wieder aufstellen sollten. Daß man in der Bundesrepublik nicht vorankommt, liegt nach des Steuer-Professors Einschätz- ung daran, daß hier "der Stammtisch regiert", der sich aus Leuten zusammensetzt, die selbst von den bestehenden Privilegien profitieren. Und daran, daß die Funktionäre der Parteien und Verbände kein Interesse an der Beseitigung der Ungerechtigkeiten haben, weil sie selbst zu den Nutznießern zählen. Jarras hat ermittelt, daß ein Drittel der Bevölkerung zu den "Cleveren" gehört, die alle Steuertricks ausnutzen, und zwar in allen Einkommensgruppen. Auf einer seiner zahlreicher Vortragsreisen wollte im Düsseldorfer Finanzausschuß ein Grüner Landtagsabgeordneter ("ein Oberlinker, der Unternehmen am liebsten mit 150 Prozent besteuern will") wissen: "Lorenz, kann ich dann meine Wohnung noch abschreiben?" Als der Volksvertreter hörte, daß er dann statt null künftig dreitausend Mark Steuern zahlen müßte, war er dagegen. Trotzdem kann sich der Wiesbadener aus Deggendorf im Bayrischen Wald freuen, daß er unter den Grünen immer mehr Anhänger findet. Auch darüber, daß er von Sozialdemokraten immer mehr ernst genommen wird, die sich zu lange - wie die Grünen - auf noch höhere Spitzensteuersätze kaprizierten: "Die kapieren das langsam." "Kapiert" hat ihn längst die Kommission der Europäischen Union, die ihm seit Jahren Gutachter-Aufträge erteilt. Die politische Feuertaufe bestand Lorenz Jarras bei Joschka Fischer. Der hatte in Bonn vier Experten angeschleppt, die Jarras zu "löchern" hatten. Nach zwei Stunden wurde der Professor mit einem Schulterklopfen entlassen. Jarras ist Mitglied im Wiesbadener WTHC, wo nicht wenige Vereinsfreunde eine halbe Million brutto und mehr im Jahr verdienen. Sein Angebot, daß jeder, der ihm nachweist, daß er mehr als 25 Prozent Steuern zahlt, zu einem guten Essen eingeladen wird, hat bislang noch keiner angenommen. Viele, schätzt der Professor, zahlen nämlich weit weniger Steuern als ein braver Kleinverdiener. Zu Jarass´ Erkenntnissen gehört auch daß es sinnlos ist, internationale Konzerne nach Gewinn zu besteuern. Die verschöben ihre Erträge so lange von einem Land zum andern, bis sie kein Steuerfahnder der Welt mehr findet. "Eigentlich ist alles ganz trivial" Gescheiter sei eine Bestandssteuer mit einem Mindestsatz. Und bei einer Mindeststeuer könne man auch auf die Einzel-Abschaffung vieler Sondervergünstigungen verzichten. Ein solcher "Hundertfrontenkrieg" sei sowieso nicht zu gewinnen. Daß die Mindeststeuer funktioniert, machen Luxemburg und die Schweiz längst vor, die Schweiz mit einer Fixsteuer,

Vorbild Schweiz

Luxemburg mit einer 0,7prozentigen Vermögenssteuer Steuerhinterziehungen wären so uninteressant. Die Gefahr daß Unternehmen abwandern besteht so lange nicht, wie sie nach dem Steuerzahlen immer noch mehr verdienen als in anderen Ländern. Auch eine maßvolle Energiesteuer gehört zu Jarras' Konzept. 10 Pfennige auf den Liter Öl und Benzin, auch auf Gas. Mit diesen Mehreinnahmen sollen die Sozialabgaben gesenkt, also Arbeit billiger gemacht werden. Man kann die Grundidee auch so ausdrücken: "Wer bislang viel zahlte, zahlt weniger. Wer wenig zahlte, zahlt mehr."